
Ich wurde 1943 in Tilsit (Ostpreußen) geboren. Wegen des Krieges floh meine Mutter 1944 mit uns sechs Kindern über Naunhof bei Leipzig nach Sachsen-Anhalt. Mein Vater kam 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft heim. Wegen seiner Arbeit mussten wir nach Leuna ziehen. Wir gehörten zur Christkönigsgemeinde. Ich ging sehr gerne in die Kirche und war Messdiener aus Leidenschaft. Kein Unwetter konnte mich vom Kirchgang abhalten. Nach Abschluss meiner Schulzeit lernte ich Konditor und arbeitete später auch in diesem Beruf.
Das "Feuer" kam aus Halle
Im 15 Kilometer entfernten Halle war ein Franziskanerkloster. Von dort kamen die Patres, wenn unser Pfarrer eine Vertretung brauchte. Obwohl mir über die unterschiedlichen Aushilfen schon viele Franziskaner-Patres bekannt waren, spürte ich auf einmal, wie in mir ein Feuer brannte. Während einer vierwöchigen Vertretungszeit in unserer Pfarrei, begleitete ich den Aushilfs-Pater eines Tages zum Friedhof. Ich weiß es noch genau: wir saßen auf der Bank einer Straßenbahnhaltestelle und der Pater fragte mich "Möchtest Du Franziskaner werden?" Innerlich brennend antwortete ich "Ja, sehr gerne! Aber kann ich da auch arbeiten?" "Ja, mehr als genug." war seine Antwort.
Ein Leben an vielen Orten
Einige Zeit nach unserem Gespräch reichte ich meine Kündigung ein und zog etwas später als Ordens-Kandidat ins Franziskanerkloster Berlin-Pankow. Es kam jedoch die Zeit meiner Einberufung zur NVA, ich musste eineinhalb Jahre Militärzeit absolvieren. Dies führte dazu, dass ich erst im August 1967 mein Noviziat in Dingelstädt beginnen konnte. Nach Ablegung meiner ersten Gelübde kam ich als Pförtner nach Halle/Saale. Eineinhalb Jahre später wurde ich ins Kloster nach Görlitz versetzt. Der Aufenthalt dort war jedoch nur kurz. Denn ich wurde im Kloster Berlin-Pankow gebraucht, das sich in unmittelbarer Nähe zur Mauer befand.
Hier lebte ich von 1970 bis 1988. Ich war gerne in Pankow – meiner „ersten Liebe“ – und kümmerte mich u.a. um unsere Gäste, zu denen ich bis heute noch Kontakt habe. Es folgten dann noch kurze Stationen in Görlitz und Halle bis 1989 die Mauer fiel. Ich lebte in der ehemaligen DDR, in der Franziskaner-Provinz „Silesia“. Wegen der Grenzöffnung erfuhr unser Kloster auf dem Hülfensberg im thüringischen Eichsfeld, das sich im Sperrgebiet befand, nach 40-jähriger Isolation einen Ansturm an Pilgern und Wallfahrern. Die Ordensleitung bat mich darum, dorthin zu gehen und die vielen Menschen mit zu betreuen.
Als Sakristan kam ich von 1996 bis 2001 in unserer Wallfahrtsbasilika in Werl zum Einsatz. Es war mein erstes Kloster in Westdeutschland. Seit 2001 lebe ich im Kloster Dortmund und bin hier u.a. als Koch tätig.
Die Mauer schweißte uns zusammen
Ich bin dankbar dafür, in einer Gemeinschaft zu leben und mich mit meiner Arbeit für sie einzusetzen. Als Ordensmann in der früheren DDR zu leben, hatte für mich schon etwas Einengendes. Fast wie ein Gefängnis. Dieser Umstand trug aber auch mit dazu bei, dass wir unter uns Mitbrüdern ein großes und starkes Zusammengehörigkeitsgefühl verspürten. Die Mauer hat uns als Gemeinschaft zusammen geschweißt.
Seit einigen Jahren begleitet mich ein Ausspruch von Br. Jordan Mai, der in unserer Dortmunder Pfarrkirche begraben liegt: „Ich habe ein Verlangen: Gott mehr zu lieben als ich es tue.“
Br. Johannes Romeyke


