
Die Stimme der Ärmsten bei der UNO -
Franziskaner bei den Vereinten Nationen
Nachdem der Dorfälteste das nackte Kleinkind zum wiederholten Mal mit Wucht gegen einen Baum geschmettert hat, verstummt das Geschrei des Säuglings. Eine ohnmächtige Stille legt sich über das kleine Dorf am Nigerfluss im westafrikanischen Benin. Der Mann lässt den leblosen kleinen Körper zu Boden fallen, eine Blutlache breitet sich aus. Das Hexenkind ist tot – die Ernte gesichert. Der böse Geist hat keine Macht mehr über das Dorf. Der Älteste nickt streng und zufrieden, er hat seine Pflicht erfüllt.
Ungläubig und betroffen lauscht die britische UN-Diplomatin dem Bericht von Bruder Markus Heinze OFM. Sie sitzen im Konferenzraum von Franciscans International (FI) in Genf. Im angrenzenden Großraumbüro herrscht konzentrierte Stille. Nur das Surren eines Deckenventilators und
geschäftiges Tippen auf Computertastaturen sind zu hören.
Die Diplomatin war vorbeigekommen, um sich das Büro von FI einmal anzuschauen und die Menschen dort kennenzulernen. Ihr waren die akkuraten und fundierten Berichte aufgefallen, die von dieser Organisation regelmäßig im Menschenrechtsrat vorgelegt werden. Bruder Markus, der Büroleiter in Genf, ergriff so gleich die Gelegenheit, um der Diplomatin die aktuelle Kampagne vorzustellen, an der FI in Afrika arbeitet: »Die Hexenkinder von Benin«. Der Aberglaube ist dort so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass der Kindermord von vielen Eltern akzeptiert wird zum Wohle des Dorfes. Es bedarf nicht vieler Zeichen für den örtlichen Voodoo-Priester, um ein Hexenkind zu erkennen. Jede Normabweichung bei Geburt und Entwicklung ist verdächtig: wenn ein Kind mit den Füßen voran zur Welt kommt oder mit dem Kopf in die falsche Richtung blickt, wenn es zuerst im Oberkiefer zahnt oder bis zum achten Lebensmonat noch keine Zähne hat. All dies sind Anzeichen dafür, dass das Kind als böse anzusehen ist und die Ursache für Unglück und Missernten.
In Benin sind nun, auf Druck der UN, erste zaghafte Maßnahmen gegen die rituelle Tötung von sogenannten Hexenkindern ergriffen worden. Ein Gesetz wurde erlassen, und es gibt einzelne Waisenhäuser, bei denen die Kinder abgegeben werden können, statt sie zu töten – mit dem Versprechen, dass sie niemals in die Dörfer heimkehren werden. FI hat aktiv dafür gesorgt, dieses nationale Tabuthema auf die Agenda der UN zu setzen, so dass die Regierung von Benin Stellung beziehen musste zu dieser abergläubischen Barbarei.
Genau darin besteht auch die Hauptaufgabe von Franciscans International: Durch die Arbeit bei den Vereinten Nationen die Entscheidungsträger zugunsten der am meisten Verwundbaren zu beeinflussen. Als Anwalt der Armen und Entrechteten.
Am Anfang stand ein gemeinsamer Traum

- Sr. Sylvia Fernande Soamanato FMND bei einem Statement vor der UN-Arbeits- gruppe zu Formen moderner Sklaverei
Der erste Samen, aus dem später Franciscans International entstand, wurde 1982 gesät: Eine Schwester aus den USA und ein Bruder aus Malta erahnten, welches Potenzial darin liegen könnte, wenn die Franziskanische Familie eine Stimme bei den Vereinten Nationen (UN) hätte. Neben der wichtigen täglichen Arbeit, der Not der Menschen an der Basis mit Pflastern, Reissäcken und seelischem Zuspruch zu begegnen, stand die Idee, ungerechte Strukturen direkt auf oberster internationaler Ebene bekannt zu machen und zu bekämpfen. Damit knüpften sie an die gute Tradition des Ordensvaters Franziskus an, der selbst schon im Mittelalter einen Brief an die Mächtigen der Welt verfasst hatte, um diesen ungefragt Rat von unten zu erteilen.
Die beiden franziskanischen Geschwister träumten gemeinsam von einer Nichtregierungsorganisation (NGO), die wichtiger Ratgeber bei Entscheidungsprozessen in der UN wäre. So trugen sie ihre Idee den jeweiligen Kommissionen der verschiedenen Ordenszweige für Gerechtigkeit und Frieden in Rom vor und stießen sofort auf große Begeisterung. Schnell erwuchs daraus ein Projekt der Ordensleitungen, und eine Arbeitsgruppe formulierte die drei wichtigsten Visionen, die bis heute dem Auftrag zugrunde liegen:
- das Bewusstsein zu schaffen, dass alle Schöpfung untrennbar verbunden ist und der Schutz des Menschen und der Umwelt Hand in Hand gehen,
- werben für den Frieden,
- den Armen der Welt eine Stimme geben.
Nach sieben Jahren der Planung und Abstimmung innerhalb der franziskanischen Ordensfamilie war es dann endlich so weit: Im Jahr 1989 wurde FI bei den Vereinten Nationen akkreditiert.
Nachdem ein Büro in New York eröffnet, die finanzielle Basisausstattung gesichert und die organisatorische Grundstruktur geschaffen waren, gelang es FI, den höchsten Status zugesprochen zu bekommen, den eine NGO bei den Vereinten Nationen erreichen kann und der nicht oft vergeben wird: den »Generellen Beraterstatus der ersten Kategorie«. Dadurch ist es FI seither möglich, an allen Ratsversammlungen der UN teilzunehmen und schriftlich wie mündlich Eingaben zu machen. FI ist präsent bei einigen UN-Weltkonferenzen, in Kommissionen und Ausschüssen sowie als Beraterin von Staaten und UN-Sekretariaten.
FI ist zudem informelle Beraterin im UN-Sicherheitsrat, dem höchsten Gremium der Vereinten Nationen. Die dortigen Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt, ohne Protokoll und Aufzeichnung.
Dass sich diese NGO als vertrauenswürdige und gern gesuchte Ratgeberin etabliert hat, liegt nicht zuletzt an dem besonderen Charisma der franziskanischen Ordensgemeinschaften.
Sie haben nämlich nicht nur ein Schwerpunktthema wie andere NGOs, die häufig ausschließlich und gezielt Fachthemen wie zum Beispiel die Korruptionsbekämpfung in Afrika, den Schutz der Regenwälder in Sumatra oder die Verteidigung der journalistischen Freiheit in Russland bedienen. FI dagegen ist sehr viel breiter aufgestellt und in vielen sich ergänzenden und zusammenhängenden Arbeitsfeldern tätig: friedenspolitisch, interreligiös, sozial- und umweltpolitisch.
Die franziskanische Familie ist ein globales Netzwerk

- Sr. Denise Boyle, irische Franziskanerin, ist seit März 2008 Geschäftsführende Direktorin von Franciscans International mit Hauptsitz in Genf
Die Nachfolgerinnen und Nachfolger des heiligen Franziskus haben keine politischen Machtambitionen. Sie verstehen sich als Anwalt der Armen und Ausgeschlossenen, und ihr Armutsgelübde schützt sie vor der Verfolgung eigener finanzieller Interessen.
Die Franziskanische Familie ist ein »Global Player«. Weltweit verfügt sie mit den drei großen Brüderorden, den Klarissen, den verschiedenen Gemeinschaften der Franziskanerinnen und engagierten Laien des Dritten Ordens über ein riesiges Netzwerk von Menschen in allen Ländern der Erde. Im Gegensatz zu den UN-Inspektoren sind sie dabei nicht nur Besucher und Beobachterinnen. Einheimische Schwestern und Brüder leben mit und unter den Menschen, sie sind dort aufgewachsen als Teil des jeweiligen Volkes und seiner Kultur.
1997 wurden die Arbeitsmöglichkeiten von FI durch die Eröffnung eines zweiten Büros in Genf (Schweiz) erheblich erweitert, da dort vor allem UN-Sonderorganisationen aus dem sozialen, kulturellen und humanitären Bereich ihren Sitz haben. Heute hat FI aufgrund ihres hohen Status die Möglichkeit, Themen auf ein internationales Level zu heben, wenn eine Lösung auf kommunaler, regionaler oder nationaler Ebene nicht vorankommt. Dabei geht es immer um Bewusstseinsbildung.
FI informiert Schwestern und Brüder in den einzelnen Staaten über ihre Rechte und darüber, wie sie für diese Rechte einstehen und Verstöße und Menschenrechtsverletzungen international zu Gehör bringen können.

- FI-Menschenrechtsanwältin Francesca Restivo in einem Waisenhaus in Benin mit geretteten Kindern
Seit 2008 hat sich die Universal Periodic Review (UPR) zum wichtigsten Instrument in der internationalen Menschenrechtsarbeit entwickelt. Alle vier Jahre wird dabei jedes Land nach seinen Menschenrechtsstandards befragt. Aber nicht nur die Selbsteinschätzung der Regierungen spielt dabei eine Rolle, sondern auch die Berichte von NGOs fließen in den Bericht ein.
2012 steht Benin erneut auf dem Plan des UPR. Zeit für Bruder Markus und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das Schicksal der Hexenkinder wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit zu rücken und das westafrikanische Land unter Druck zu setzen, endlich seine internationalen Versprechen einzuhalten und die Menschenrechte der Kinder zu achten.
Zur Person: Markus Heinze OFM

Bruder Markus Heinze (50) ist als Sohn eines Stadtbeamten in der Franziskanerpfarrei St. Bonifatius in Mannheim aufgewachsen und kam so schon als Kind und Jugendlicher mit den Franziskanern in Berührung. Nach seinem Abitur trat er dem Orden bei mit dem Wunsch, Priester und Seelsorger zu werden und in der Pastoral zu arbeiten. Während seines Theologiestudiums in Freiburg kam Markus zum ersten Mal mit der Bewegung der Arbeiterpriester in Berührung und entdeckte im Engagement für soziale Gerechtigkeit seine Berufung.
Markus wollte keine Respektsperson sein, sondern anderen Respekt und Würde schenken. Er wollte den Alltag mit den Menschen teilen und nicht Chef sein in einer hierarchischen, elitären Struktur.
Nach seiner Priesterweihe und der dreijährigen Kaplanszeit in Salmünster gründete Markus mit einigen Brüdern eine Fraternität in Frankfurt. Sie wollten in einer kleinen Wohnung in einer Hochhaussiedlung mit Arbeiterfamilien und Immigranten das Leben teilen. Zu Anfang arbeitete Markus dort als Postbote und baute das Angebot der Hausaufgabenhilfe auf, welches dann zwanzig Jahre lang zu seinem zentralen Lebensinhalt werden sollte.
Schon während seiner Studienzeit arbeitete Bruder Markus in der Arbeitsgemeinschaft der Franziskaner für »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« mit. Durch sein entschiedenes Engagement gegen Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung erwarb er sich – auch bei einigen seiner Mitbrüder – rasch den Ruf eines unbequemen Störenfrieds. Doch seine Konsequenz, Authentizität und seine gut geplanten und durchgeführten Aktionen führten auch innerhalb des Ordens zu einer wachsenden Anerkennung und Wertschätzung.
Und so wurde Bruder Markus 2002 vom Ordensgeneral der Franziskaner in Rom in den Vorstand von Franciscans International berufen. Diese Aufgabe erfüllte er noch von Frankfurt aus sechs Jahre lang und war mitbeteiligt an der mittlerweile notwendig gewordenen Neustrukturierung der Arbeit von FI.
Im September 2010 ist Markus in die Schweiz umgezogen, um sich nun als Büroleiter in Genf voll und ganz der Menschenrechtsarbeit zu widmen.
Tipp
Diese Seite über FI können Sie auch als gestalteten vierseitigen Bericht als PDF herunterladen. Erschienen in der Zeitschrift FRANZISKANER im Frühling 2011
Die Menschenrechte
Es darf kein Mensch wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen oder wegen einer Behinderung benachteiligt oder bevorzugt werden. Die Menschenrechte gelten überall und für alle Menschen ohne Ausnahme!
Zu den wichtigsten Rechten gehören
- das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit,
- der Schutz vor Folter, vor Zwangssterilisation und Zwangskastration, Schutz vor Körperstrafen und Prügelstrafen sowie Schutz vor entwürdigender oder erniedrigender Behandlung,
- das Recht auf Freiheit, Eigentum und Sicherheit der Person,
- der Schutz vor willkürlichen Eingriffen in die Privatsphäre (Wohnung, Briefgeheimnis etc.),
- Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit,
- das Recht auf Selbstbestimmung,
- die Gleichberechtigung von Mann und Frau,
- das Recht auf Arbeit und angemessene Entlohnung,
- das Recht auf Bildung, Abschaffung der Züchtigung in Erziehung und Schule und die Berufsfreiheit.
Meilensteine der Menschenrechte
Die Idee, dass allen Menschen die gleichen Rechte zukommen, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Bereits der älteste schriftlich überlieferte Rechtstext aus dem dritten Jahrtausend vor Christus, der »Codex Ur-Nammu« der Sumerer, sieht eine Gleichheit der Bürger vor.
Auch das Buch Genesis der Bibel (ca. 700 v. Chr.) spricht bereits von der Gottebenbildlichkeit des Menschen und legt den Grundstein für die Gleichheit von Mann und Frau.
Seit dem Jahr 1215 sind die Menschenrechte auch in Europa verschriftlicht, als der englische König Johann in der »Magna Carta« die Untertanen gegen die Willkür des Adels stärkt.
Mit der Gründung der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Menschenrechte 1948 verfasst und für alle Mitgliedsstaaten gültig und bindend. 1966 werden von den Vereinten Nationen zwei völkerrechtlich verbindliche Menschenrechtskonventionen verabschiedet. Damit werden die Menschenrechte weltweit auch juristisch einklagbar.
- Der 10. Dezember wird als internationaler Tag der Menschenrechte begangen.
5 for Francis

FI ist komplett spendenfinanziert. Die Büros und die professionellen internationalen Arbeitsstrukturen benötigen eine große, jährlich wiederkehrende finanzielle Anstrengung. Um Spenden auf einer breiteren Basis der Bevölkerung einzuwerben, wurde nun das Projekt »5 for Francis« gestartet. Damit haben menschenrechtsinteressierte Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, die Arbeit der Franciscans International schon mit kleinen Beträgen finanziell zu unterstützen.
Mehr Informationen unter www.franciscansinternational.org
Bank für Orden und Mission
BLZ 510 917 11
Kontonummer 801 789 05
Die internationale Struktur von FI
Weltweit: mehr als 750.000 Brüder, Schwestern und Laien der Franziskanischen Familie leben in allen UN-Staaten.
- Rom: Dort treffen sich die sechs Ordens- oberen und die Leitungen der Büros für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu grundlegenden Entscheidungen.
- New York: Big Apple ist Sitz der UN-Zentrale, der Vollversammlung und des Sicherheitsrats sowie der Schwerpunktbüros für soziale Fragen und Umweltschutz. Das FI-Büro dort ist zuständig für Nord-, Mittel-, Südamerika und die Karibik.
- Genf: In der Schweiz befinden sich zahlreiche wichtige Büros der UN-Sonderorganisationen, zum Beispiel UNICEF, WHO, UNHCR, die sich mit der globalen Menschenrechtssituation befassen. Das Büro in Genf ist zuständig für Europa und Afrika.
- Bangkok: In der jüngsten Niederlassung von FI werden vor allem die asiatischen Belange gebündelt.

