Gott ist im Gefängnis

- Bruder Martin Walz
Bruder Martin Walz OFM war bis Dezember 2010 zwölf Jahre katholischer Gefängnisseelsorger in Mecklenburg- Vorpommern. Seine praktische Arbeit fand in drei Gefängnissen statt: in der Jugendanstalt Neustrelitz und in den Erwachsenenanstalten Neubrandenburg und Bützow. Gemeinsam mit drei Mitbrüdern lebt Martin Walz im Franziskanerkonvent Waren. Dieses Interview ist der Zeitschrift Franziskaner Mission 3/2008 entnommen
Bruder Martin, Gefängnisseelsorge ist eher ein unkonkreter Begriff. Wen betreuen Sie eigentlich seelsorgerisch und wie sieht das konkret aus?
Br. Martin: Als Seelsorger erfahre ich in allen Bereichen des Strafvollzuges einen unwahrscheinlich hohen Gesprächsbedarf, gerade im Jugendbereich, aber auch bei den Erwachsenen. In diesen Gesprächen begegne ich Menschen, die sich ernsthaft Gedanken machen über ihre Situation und ihre Zukunft. Dabei ist es egal, welche Straftaten sie begangen haben (alle Straftaten sind vertreten). Aber nicht die Tat zählt, sondern der Mensch, der in einer ausweglosen Situation ist und sein Inneres neu ordnen will.
Gibt es einen speziell franziskanischen Aspekt in Ihrer Tätigkeit?
Br. Martin: Ich bin Gefängnisseelsorger, weil es mir in erster Linie um den ganzen Menschen geht, den ich mit seiner inneren Not antreffe. Wenn ich die Begegnung Franziskus’ mit dem Aussätzigen ernst nehme und sie in unsere Zeit übertrage, fi nde ich, bin ich am richtigen Ort. Die Beurteilungen und Vorurteile, die ich bei vielen Informationsveranstaltungen vorfi nde, bestätigen mir das. Wer ist berechtigt, einen anderen Menschen als »Abschaum« zu bezeichnen?
Seelsorger sind in Gefängnissen gefragte Leute
Mecklenburg-Vorpommern ist ja durch die 40 Jahre DDR-Geschichte areligiös. Wie wird denn die seelsorgerische Tätigkeit von den Gefangenen aufgenommen?
Br. Martin: Seelsorger sind in unseren Gefängnissen gefragte Leute, weil sie sich Zeit nehmen zum Gespräch und einen geschützten Raum anbieten, in dem der Inhalt dieser Gespräche auch bleibt. In diesem geschützten Raum kann es dann auch sein, dass Verhärtetes aufbricht oder etwas klar wird, was bisher im Dunkeln lag. Erst durch diesen Schutz und die gemeinsam verbrachte Zeit wird Veränderung möglich.
Und wie gehen Sie persönlich damit um, viel mit Menschen zu tun zu haben, die in ihrem Leben gescheitert sind und eine »dunkle« Vergangenheit haben?
Br. Martin: Ich beziehe die »dunkle« Vergangenheit mal auf die Lebensgeschichte der Einzelnen. Da gibt es tatsächlich viel Dunkles und Zerbrochenes, mit dem Menschen nicht umgehen können oder das sie quält und zu unsinnigen Taten treibt. Aber ich treffe meist auf sehr wertvolle Menschen, die ihre Fähigkeiten und Qualitäten haben, die sie manchmal erst noch entdecken müssen.
Sprechen Sie mit den Gefangenen über ihre Straftaten oder nur über ihre Probleme im Vollzugsalltag?
Br. Martin: Die Probleme im Vollzugsalltag bestimmen oft die Gespräche, aber nicht nur sie, sondern auch die Probleme innerhalb der Familie, manchmal auch die Folgen der Tat, die in den Gesprächen aufgearbeitet wird
Sie sprechen es an: Nicht nur der Straftäter ist betroffen, sondern auch die Familien der Straftäter. Sind Sie in Ihrer seelsorgerischen Tätigkeit auch für die Angehörigen zuständig?

- Türme der Anstaltskirche in der JVA Berlin-Tegel.
Br. Martin: Manchmal rufen Eltern an und bitten um ein Gespräch. Manchmal ist das Anliegen telefonisch zu klären, manchmal treffen wir uns vor oder nach den Besuchen bei ihrem Sohn im Gefängnis. Manchmal bitten die Eltern von sich aus, dass ich ihren Sohn besuche.
Und wie sieht es mit der anderen Seite aus? Haben Sie auch schon mal Kontakt mit Opfern oder Angehörigen von Opfern gehabt?
Br. Martin: Mit Opfern sehr selten, mit dem Weißen Ring schon öfter. Die allgemeinen Vorurteile kommen auch hier zum Tragen: Um die Täter wird sich gekümmert, um die Opfer nicht.
Gefängnisse sind häufig geschlossene Gesellschaftssysteme. Werden Sie dort als Fremdkörper oder als Teil des Systems wahrgenommen? Wie äußert sich das?
Br. Martin: Als Seelsorger sitzt man im Vollzug sozusagen zwischen allen Stühlen. Man gehört zwar dazu, aber doch auch wieder nicht. Das verschafft aber einige Freiheiten. Wenn man diese Freiheiten sinnvoll nutzt, dient das dem Wohl der Gefangenen wie auch der Beamten.
Das Gefängnis ist ein Ort der Tränen, aber auch ein Ort des Gebetes.
Wo ist Ihrer Meinung nach im Gefängnis Gott?
Br. Martin: Gott ist überall zu finden, gerade im Gefängnis. Die Frage nach ihm wird indirekt und manchmal sehr direkt gestellt. Die Frage nach dem persönlichen Glauben ist allerdings im Jugendbereich die wichtigste. Und die Frage nach Vergebung steht immer im Raum, außerdem die Frage, wie ich mit meiner Schuld weiterleben kann. Die Gottesdienste im Gefängnis sind sehr dicht, vielleicht weil erfahren wird, dass das der Ort der guten Worte ist, vielleicht liegt es auch an der frohen Botschaft von der Vergebung und der Annahme jedes Menschen durch Gott. Das Gefängnis ist ein Ort der Tränen, aber auch ein Ort des Gebetes.
Wie kann man von außen eigentlich Ihre Arbeit unterstützen? Wie kann man die Strafgefangenen unterstützen?
Br. Martin: Die Unterstützung kann vielfältig sein. Wichtig ist mir, dass bei allem Unrecht, was geschehen ist, der Mensch, um den es geht, als Mensch gesehen und behandelt wird. Leider wird das oft vergessen und der Mensch nur auf seine Tat reduziert. Damit wird man ihm allerdings nicht gerecht. Mir ist es wichtig, gegen die augenblickliche gesellschaftliche Tendenz zu denken und zu handeln: den Menschen Mensch sein zu lassen.
Einweihung der Franziskuskapelle in der JVA
Klicken Sie hier, um einen Bericht über die Franziskuskapelle in der Justizvollzugsanstalt Neubrandenburg in zu lesen.
Themenheft der Franziskaner Mission
Die Ausgabe 3/2008 der Zeitschrift Franziskaner Mission widmete sich dem Thema Gefängnis und Gefangenschaft. Klicken sie hier, um zur Online-Ausgabe zu gelangen.
