
ie Franziskaner und das Heilige Land - Geschichte einer fast 800-jährigen Liebe
Das Heilige Land ist für Christen etwas ganz Besonderes. Gott ist Mensch geworden und hat die Welt an diesem Ort der Erde erfahren. Er hat an diesem See gestanden, hat den Sonnenaufgang in dieser Wüste gesehen. Er hat das Panorama dieser Berge erlebt und ist über diese Straßen gelaufen. Hier ist er geboren. Hier hat er gelebt. Hier ist er gestorben und auferstanden. An keinem anderen Ort der Erde können wir Christus so nachspüren wie hier.
Auch der heilige Franziskus war Anfang des dreizehnten Jahrhunderts versessen darauf, auf Christi Spuren zu wandeln. In seiner Liebe zu Jesus wollte er ihm möglichst nahe sein, um ihn in seinem Leben und Leiden zu erfahren, wie schon viele christliche Pilger und Wallfahrer vor ihm. Dreimal hat Franziskus versucht, ins Heilige Land zu gelangen. Das erste Mal erreichte er nur den Ausgangshafen und wurde krank. Das zweite Mal geriet er auf dem Mittelmeer in einen Sturm und landete in Spanien. Erst beim dritten Anlauf, als er sich dem Kreuzfahrerheer 1219 anschloss, kam er über Ägypten in das ersehnte Land. Hier hat die historische Begegnung mit dem Sultan Malik al-Kamil, dem Anführer des Sarazenen-Heeres, stattgefunden. Mit dieser Begegnung hat Franziskus seinem Orden den Dialog mit anderen Religionen und die bis heute ununterbrochene Präsenz seiner Ordensgemeinschaft im Heiligen Land ins Stammbuch geschrieben.
Die Franziskaner repräsentieren im Heiligen Land die katholische Kirche
Bereits zwei Jahre zuvor, im Jahr 1217, wurde auf dem Ordenskapitel in Assisi beschlossen, die ersten Brüder auszusenden, um im Heiligen Land eine Niederlassung zu gründen. Daraufhin errichteten die Franziskaner einen Konvent in Akkon, an der Bucht von Haifa. Die Stadt war damals von den Kreuzfahrern besetzt und der Brückenkopf ins Heilige Land.
Trotz der schwierigen politischen Situation gründeten die Brüder 1229 eine Niederlassung in Jerusalem, das damals bereits fest in arabischer Hand war. In den folgenden hundert Jahren bauten die Franziskaner – respektiert von den muslimischen Autoritäten – ihre Präsenz im ganzen Land aus. 1342 vertraute dann Papst Klemens VI. dem Orden auch offiziell die Heiligen Stätten an. Seither sind die Franziskaner die »Kustoden«, die Hüter der Heiligen Stätten.
Ohne die Anwesenheit des Franziskanerordens würde die römisch-katholische Kirche heute ihre Rechte an den Heiligen Stätten nahezu komplett verlieren. Denn 1852 wurde aufgrund zunehmender Streitigkeiten unter den christlichen Religionsgemeinschaften der sogenannte Status quo ausgehandelt, um das Miteinander in Jerusalem zu regeln. Dieser besagt, dass alles so bleiben muss, wie es zu diesem Zeitpunkt war. Pflichten und Rechte, die nicht ausgeführt werden, fallen unwiderruflich weg. Es mag irrwitzig anmuten, aber das Recht, ein Heiligtum zu betreuen, könnte davon abhängen, ob täglich morgens um 5.30 Uhr eine bestimmte Kerze angezündet oder freitagmittags die Treppe gekehrt wird. Und viele dieser Pflichten und Rechte nehmen die Franziskaner wahr, als Kustoden und im Auftrag der Kirche. Neben den ca. 300 Brüdern vor Ort sind es auch die 69 Kommissariate des Heiligen Landes in 46 Nationen, die diesen wichtigen Dienst aufrechterhalten.
Die Arbeit des Heilig-Land-Kommissars
In der Deutschen Franziskanerprovinz hat Werner Mertens OFM (Werl) die Aufgabe des Heilig-Land-Kommissars übernommen, unterstützt von den Vizekommissaren Raynald Wagner OFM (München) und Daniel Müssle OFM (Großkrotzenburg). Die Kommissare halten engen Kontakt zu ihren Brüdern in der Kustodie, informieren in Deutschland über die Situation in der Region, fördern die vielfältigen karitativen Projekte der Kustodie und organisieren mehrmals im Jahr Pilgerfahrten ins Heilige Land. An einer solchen Pilgerreise teilzunehmen, kann zu einem ganz besonderen Erlebnis werden, ist Pater Werner doch ein langjähriger und intimer Kenner der Region und bestens vernetzt mit seinen franziskanischen Brüdern vor Ort.
Die nun schon fast 800 Jahre andauernde Verwurzelung des Ordens im Heiligen Land, die Präsenz der Brüder an den unterschiedlichsten Orten und insbesondere ihr Leben mit und unter den einfachen Leuten ermöglichen Pilgern auch Einblicke in die religiöse, gesellschaftliche und politische Wirklichkeit, die den meisten Ausländern ansonsten wohl verwehrt bleibt. Eine weitere Aufgabe des Heilig-Land- Kommissars besteht darin, seine Mitbrüder in Deutschland für den Dienst im Heiligen Land zu begeistern. Denn neben den Brüdern, die direkt vor Ort dem Orden beigetreten sind, haben auch Brüder aus aller Welt die Möglichkeit, sich für den Dienst im Heiligen Land zu melden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kustodie die internationalste unter den Franziskanerprovinzen ist. Die rund 300 Brüder stammen aus fast 50 Nationen. Aus Deutschland arbeiten dort derzeit Petrus Schüler OFM als Organist in der Grabeskirche in Jerusalem sowie Vizeökonom der Kustodie und Gregor Geiger OFM als Professor für die hebräische und aramäische Sprache am Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalem.
Die Dienste der Franziskaner im Heiligen Land
Neben der Betreuung der Heiligen Stätten liegt ein Schwerpunkt der Arbeit in der Pilgerbegleitung und in der Pfarrseelsorge, hauptsächlich für die arabischen Christen in der gesamten Region. So betreuen die Franziskaner der Kustodie derzeit 29 Pfarreien. Hinzu kommen einige wissenschaftliche Einrichtungen, aber auch drei Altenheime, 14 medizinische Ambulanzstationen, ein Zentrum für blinde Kinder, elf Lehrwerkstätten und 14 Schulen – von der Grundschule bis zum Gymnasium.
Insbesondere die Schulen ermöglichen Kindern und Jugendlichen aus finanziell bedürftigen Familien eine kostenfreie und qualitativ hochstehende Ausbildung. Zudem stehen alle Einrichtungen nicht nur Katholiken oder Mitgliedern anderer christlicher Konfessionen offen, sondern grundsätzlich Menschen aus allen ethnischen und religiösen Gruppen. So stammt in einigen Schulen die Mehrheit der Schüler aus muslimischen Familien, und in einigen Städten besuchen auch eine Reihe jüdischer Kinder die Bildungseinrichtungen. Gerade in einer Region, in der unterschiedliche religiöse und kulturelle Zugehörigkeit trennend und häufig konfliktverschärfend wirken, sind gemeinsame Erfahrungen des friedlichen Zusammenlebens, des gegenseitigen Respekts, persönliche Freundschaften und das Einüben von gewaltfreien Konfliktlösungen ohne das Diktat von Macht und Reichtum in ihrer Wirkung gar nicht zu überschätzen.
Zeugnis geben ohne Macht
Die Christen und erst recht die Franziskaner haben in dieser Region keine Macht, sie sind eine kleine religiöse Minderheit. Aber gerade das erleichtert es vielleicht, genau das zu tun, was uns der Kustos der Franziskaner im Heiligen Land, Pierbattista Pizzaballa OFM in einem Interview für diese Zeitschrift im Frühjahr 2011, als »die franziskanische Berufung« erläuterte: »Unsere Rolle besteht eher darin, Zeugnis zu geben. Seit Franziskus im Jahre 1219 mit dem Sultan Malik al-Kamil gesprochen hat, leben wir Franziskaner hier eine friedliche Präsenz. Wir sind keine Bedrohung, weder für die Juden noch für die Muslime. Wir können den Konflikt [Israel/Palästina, d. Red.] nicht lösen. Wir können aber zu einer Lösung beitragen, indem wir Werte wie Vergebung und Versöhnung vermitteln.
Ein Konflikt erzeugt bei allen Beteiligten Wunden. Und Wunden erzeugen wiederum Wunden. Wenn man einen Dialog und Frieden haben will, muss man zunächst die Wunden heilen (...) Wenn Israelis und Palästinenser, Muslime oder Juden, zu uns kommen, wollen wir sie in erster Linie als Menschen und Gäste auf- und annehmen. Das gilt besonders auch für die Schulen. Das sind keine Angebote für Christen oder Muslime, das sind Angebote für Kinder.«
Um der weiteren Abwanderung von Christen, die in den letzten Jahrzehnten in der ganzen Region besorgniserregende Ausmaße angenommen hat, entgegenzuwirken, engagieren sich die Franziskaner auch beim Hausbau und der Beschaffung bezahlbarer Wohnungen für arme christliche Familien. Bei der feierlichen Schlüsselübergabe einiger weiterer Häuser in Bethphage am östlichen Hang des Ölberges im September 2010 erklärte der Finanzverwalter der Kustodie, Bruder Ibrahim, diese für uns in Deutschland erst mal ungewöhnliche franziskanische Tätigkeit: »Der Hausbau und die Vergabe von bezahlbaren Wohnungen an örtliche Christen sind eine normale Tätigkeit für uns Franziskaner – wir machen diese Arbeit seit 400 Jahren!« Dass dies alles realisiert werden kann, ist in erster Linie den vielen Christen zu verdanken, die für das Heilige Land spenden. So wird die jährliche Palmsonntagskollekte weltweit für das Heilige Land abgehalten. Die dabei gesammelten Gelder kommen zum einen dem Erhalt der Heiligen Stätten zu, werden aber zum anderen auch ganz wesentlich in die »lebendigen Steine« – die Menschen – »investiert«.
So versuchen die Franziskaner der Kustodie mit Unterstützung der Heilig-Land-Kommissare die Mahnungen des heiligen Franziskus zu befolgen: unter den Andersgläubigen zu leben, dabei aber keine Diskussion und keinen Streit zu beginnen, sondern schweigend Zeugnis zu geben von der Liebe Gottes. Solidarität zu üben mit den Menschen vor Ort, auch dann wenn es politisch in manchen Ländern unmöglich ist, ein direktes Apostolat auszuüben. Den Glauben überzeugend zu leben. Für Fragen offen zu sein und zum Dialog bereit. Das Wort Gottes freimütig zu bekennen. Das Land und die Menschen zu lieben.
Das Heilige Land

Der Begriff Heiliges Land steht geografisch für weit mehr als Jerusalem und Umgebung. Zur Kustodie zählen Israel, Palästina, Jordanien, Syrien, Libanon, Zypern und Rhodos sowie zwei Konvente in Ägypten.
Surftipps
Informationen über Pilgerfahrten ins Heilige Land, sowie der Arbeit des Kommissariats, der Hilfswerke und der Kustodie:
- Kommissariat des Heiligen Landes (deutschsprachig)
- Kustodie der Franziskaner im Heiligen Land
- Wikipedia: Kustodie des Heiligen Landes
- Hilfswerk der Kustodie des Heiligen Landes ATS Pro Terra Sancta
Der Heilig Land Kommissar: Werner Mertens OFM

(hier als Live-Kommentator des Bayerischen Rundfunks während des Papstbesuchs im Heiligen Land im Mai 2009).
Werner Mertens wurde 1946 als fünftes von sieben Kindern in Rüthen im Sauerland geboren. Er besuchte das von Franziskanern geleitete Gymnasium St. Ludwig in den Niederlanden und trat anschließend mit 20 Jahren in das Noviziat ein.
Nach Theologiestudium und Priesterweihe arbeitete er 1973 zunächst als Kaplan in Ohrbeck und als Bildungsreferent in Haus Ohrbeck, ab 1980 dann als Seelsorger in Paderborn, bevor er 1983 als Kaplan und Guardian nach Hagen versetzt wurde.
Mit 29 Jahren fuhr Pater Werner auf Bitten des damaligen Heilig-Land-Kommissars der Norddeutschen Franziskanerprovinz, Pater Januarius, zum ersten Mal mit ins Heilige Land. Der junge Priester sollte als geistlicher Leiter die Messen und Vorträge für den alternden Mitbruder übernehmen.
Einige Jahre und mehrere Heilig-Land-Besuche später wurde er 1983 zum Vizekommissar ernannt. Nach einem fünfmonatigen Aufenthalt in Ägypten, Syrien, Israel und Jordanien übernahm er dann 1989 das Kommissariat als Leiter.
2010 wurde Pater Werner nach der Zusammenlegung der vier Franziskanerprovinzen zum ersten Heilig-Land-Kommissar der neuen Deutschen Provinz ernannt.
Im Land des Herrn
Franziskanische Zeitschrift
für das Heilige Land
Die Informationszeitschrift der deutschsprachigen Kommissariate des Heiligen Landes erscheint vierteljährlich und enthält Artikel, Berichte, Interviews und Reportagen zu allen Themen rund um das Heilige Land, zu Pilgerreisen, zu Projekten und über Spiritualität.
Die Zeitschrift können sie >hier< kostenlos abonnieren. Auch einzelne Hefte der vergangenen Jahrgänge können sie Nachbestellen wenn Sie sich für ein darin behandeltes Thema speziell interessiern.










