WAS WIR TUN

ott ist (k)eine Ente - Krankenhausseelsorge in der Psychiatrie

Für materiell Arme engagieren sich viele Franziskaner, aber ich wollte gerne für psychisch kranke Menschen da sein“, sagt Rudolf Dingenotto, der seit 20 Jahren in den Psychiatrien von Herne, Münster und Berlin als Krankenhausseelsorger arbeitet. „Und Immer noch fahre ich morgens freudig und gespannt zu Menschen, die sich oft schämen, am Rande fühlen, belächelt werden, früh in Pension müssen – und die sich und die Welt und Gott nicht verstehen. Ihnen bin ich gern nahe.“

Damit sich Leser, die noch nie in der Psychiatrie waren, vorstellen können, wie das Leben dort aussieht, wirft er Schlaglichter auf Situationen, wie er sie an einem Tag im vergangenen Mai erlebt hat.

Portrait von Br. Rudolf
Br. Rudolf
  • Beim Abstellen des Fahrrades vor dem Haupteingang grüßen zwei Patienten aus der Raucherkabine – alte Bekannte von mir. Bisher kannte ich sie einigen Besuchen auf der Entzugsstation. Jetzt berichtet mit ein 22-jähriger stolz: „Ich hab einen Quantensprung gemacht.“ Nach einem jahrelangen Kreislauf von punktueller Entgiftung und immer neuer Rückkehr in  die Sucht hat es endlich „klick“ bei ihm gemacht. „Jetzt  mache eine Langzeittherapie“, strahlt er. Ich gratuliere ihm.
  • Auf dem Anrufbeantworter im Büro höre ich den Wunsch einer Patientin ab, mit der Pastorin zu sprechen. Da wir im gleichen Büro arbeiten, können wir uns schnell und gut  austauschen. 
  • Die meisten Patienten sind relativ jung. Sie liegen kaum im Bett, sondern haben Therapien oder halten sich im Garten oder Aufenthaltsräumen auf. Ein junger Patient, der Stimmen hört, wünscht sich von mir ein „Tau“. Als ich ihm dieses franziskanische Segenszeichen, ein Kreuz in T-Form, bringe, wollen auch die anderen Zimmergenossen eins haben. Talisman, Schutzwunsch, Glaubensbekenntnis? Auf jeden Fall ein guter Anlass zum Gespräch.
  • Der Pankower Pastoralkonvent hat das Thema gewählt: „Umgang der Gemeinden mit psychisch Kranken“. Die Chefärztin fragt nach, wie wir das Thema angehen sollen. Viele Gemeinden tun sich schwer im Umgang mit psychisch Kranken.
  • Sechs Stationen sind als Pavillons einzeln gelegen. Deswegen bin ich oft im Gelände unterwegs und dadurch sichtbar. Unterwegs fragt mich eine junge Frau: „Bin ich schuld, wenn die Welt untergeht?“ Welch eine Last, alle Schuld am Weltuntergang zu tragen.
  • Ein 50-jähriger Mann sieht mich. Er leidet unter religiösen Wahnvorstellungen. Er predigt auf belebten Straßen zu den unbußfertigen Berlinern oder nimmt schon mal das große Damiano-Kreuz  aus der Franziskaner-Kapelle mit. Immer wieder will er beichten. Manchmal muss ich ihn bremsen. Es gibt echte und falsche Schuldgefühle, versuche ich ihm klarzumachen. Am liebsten hätte er, wenn Jesus ihn heilt, nicht die Ärzte.
  • Auf der Reha-Station besuche ich einen neuen Patienten. 10 Jahre hat er bis zum Entschluss einer Langzeittherapie gegen Alkohol und Cannabis gebraucht. - Ein anderer – schon 10 Wochen da – sitzt elendig in der Ecke. Letzte Nacht hat sich seine neue Freundin von ihm getrennt. Wir sprechen lange über Einsamkeit.
  • Die Ambulanz hat mir eine junge Frau mit Prüfungsangst geschickt. Sie kennt Ängste seit der Kindheit, zieht sich zurück, verliert immer wieder Freunde. Sie glaubt(e), einen krummen Rücken zu haben. Jetzt hat sie geträumt, sie stehe aufrecht vor einem Spiegel. „Ist das ein Wunder?“ fragt sie. Wir sprechen über das Wort Jesu zu der Frau mit gekrümmten Rücken: „Frau, dein Glaube hat dir geholfen.“ Wie hilft Gott – wenn es einen gibt –?  Das fragen viele.
  • Unser PC wird heute auf einen übergeordneten Server umgestellt. Globalisierung auch in kleineren Krankenhäusern.
  • Ein junger Mann, religiös groß geworden, hört Stimmen: „Du bist nichts wert. Bring dich um!“ Er sich hat sich von mir eine Bibel gewünscht. „Das Gebet beruhigt mich; es lenkt ab.“ Heute ist es ganz schlimm. Zitternd bittet er mich, seinen besten Freund anzurufen, er möge ihn sofort besuchen. Angehörige sind oft die besten Helfer, wenn sie mit psychischen Erkrankungen umgehen können.
  • Im Café gönne ich mir eine Tasse Kaffee. Ein beliebter Patienten- und Angehörigen-Treffpunkt. Dreimal kommt ein mir bekannter 50-jähriger Mann herein und fragt mich: „Muss ich heute sterben?“ Er fragt das seit Wochen 30 Mal am Tag. Wie ihn beruhigen?
  • Auf der Trauma-Station treffe ich einen 40-jährigen Mann, der sehr ernst aussieht.  Bei einem Arbeitsunfall vor zwei Jahren ist seine Hand versteift. Diesen Unfall hat er noch nicht verkraftet und ist depressiv geworden. Er traut sich nicht mehr unter Menschen noch weniger in eine Arbeit. Am Ende bedankt er sich für das Gespräch. Es habe ihn entlastet.

Seelsorge - ein wertvoller Dienst

Auf diese Weise erlebe ich Seelsorge als wertvollen Dienst – auch in einem fast atheistischen Umfeld. In schweren Krisen fragen Menschen nach dem Sinn ihres Leidens, auch und besonders dann, wenn sie vielleicht erst 25 Jahre alt sind.

Viele Probleme kann ich anhören, nicht lösen. Wenn ich mit dem Rad von der Arbeit zurückfahre, im Klostergarten Blumen pflanze, mit den Mitbrüdern abends bete, übe ich das Loslassen. Ich muss nicht die ganze Welt erlösen.

 

Religion in der Psychiatrie

Die Mehrzahl der  Menschen, die Bruder Rudolf Dingenotto im St. Joseph Krankenhaus der Alexianer in Berlin-Weißensee begleitet, haben keinen religiösen Hintergrund. Von 300 Patienten sind gut 30 evangelisch oder katholisch, die meisten gehören überhaupt keiner Konfession an.  Der preußische Kulturkampf, das Dritte Reich und die DDR-Zeit wirken nach! Zu den Gottesdiensten kommen zwischen fünf und 25 Personen. Was sollen wir Seelsorger da machen? Sie für den Glauben zu begeistern ist in etwa so schwierig wie einen Chor zusammenstellen aus Menschen, die noch nie vorher ein Lied gehört, geschweige denn selbst gesungen haben.

 

Auf großen Kongressen ist Religion in der Psychiatrie dagegen wieder in. Nach vielen Untersuchungen über die Wirkung von Religion ist allgemein anerkannt:

  • Die religiöse Bindung ist eine wertvolle Quelle für Hoffnung und Sinn
  • Ein gläubiger Mensch lebt in der Regel gesundheitlich besser
  • In der Alternativmedizin ist der Nachholbedarf an Spiritualität groß
  • Nicht der Inhalt, sondern die soziale Integration des Glaubens ist ein guter Faktor
  • Im 3. Lebensabschnitt hängt das Wohlbefinden stark von positiver Spiritualität ab
  • Mehreren hilft der Glaube, keinen Selbstmord zu begehen 
  • Es ist wichtig, zwischen echter Religiosität und Fundamentalismus, Wahnvorstellungen und falschen Schuldgefühlen zu unterscheiden
  • Positive Gottesbilder verbessern die Kunst des Lebens.

 

 

Br. Rudolf Dingenotto ofm

Bruder Rudolf begleitet(e) psychisch kranke Menschen im St. Marien-Hospital Herne, im St. Rochus-Hospital Telgte bei Münster, in der Charité Campus Mitte Berlin und im St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weissensee.