ANGEBOTE
16.12.11

Dialog ist der einzige Weg

Von: Thomas Meinhardt

Mitarbeitenden des Genfer Büros von Franciscans International zum Thema »Christenverfolgung«

Francesca Restifo (Leiterin der Lobbyabteilung für Menschenrechte) bei einer  Anhörung vor einem UN-Gremium

Francesca Restifo (Leiterin der Lobbyabteilung für Menschenrechte) bei einer Anhörung vor einem UN-Gremium

Budi Tjahjono (Referent für die Region Asien-Pazifik)

Budi Tjahjono (Referent für die Region Asien-Pazifik)

Bruder Markus Heinze OFM (Regional Direktor für Afrika und Europa)

Bruder Markus Heinze OFM (Regional Direktor für Afrika und Europa)

Franciscans International (FI), die Nichtregierungsorganisation der franziskanischen Ordensgemeinschaften bei den Vereinten Nationen, engagiert sich für die Einhaltung aller individuellen und sozialen Menschenrechte überall auf der Welt. Im Zentrum der Arbeit steht der Kampf gegen extreme Armut, für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der Aufbau dauerhafter Friedensstrukturen. 

  • Spielt das Thema »Christenverfolgung« und »Christendiskriminierung« in der Arbeit von FI eine Rolle? 

Francesca Restifo: Der Fokus unserer Arbeit ist die Verteidigung der Menschenrechte. In diesem Zusammenhang treten wir natürlich auch für die Rechte religiöser Minderheiten ein. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob es sich um Christen oder Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften handelt. Meist sprechen wir in diesem Zusammenhang eher von Diskriminierung als von Verfolgung, da dies die reale Situation in den meisten Fällen eher widerspiegelt.

  • Ist es richtig von einer weltweiten Christen-verfolgung zu sprechen? Die Hilfsorganisation »open doors« prangert an, dass über 100 Millionen Christen in über 50 Staaten verfolgt werden. 

Markus Heinze: Wir halten den Begriff »Verfolgung« von Christen in dieser Allgemeinheit eher für problematisch. Es handelt sich doch um sehr unterschiedliche Realitäten in den einzelnen Staaten. So gibt es natürlich auch die Bedrohung von Leib und Leben der Christen wie beispielsweise in Nordkorea. Doch für Situationen wie die Benachteiligung von Christen in einigen muslimisch geprägten Gebieten Äthiopiens, die Bevorzugung der Orthodoxen Kirche in Russland gegenüber anderen christlichen Konfessionen oder das Verbot der Konversion zum Christentum in zahlreichen mehrheitlich muslimischen Staaten, scheinen uns Begriffe wie Benachteiligung oder Diskriminierung zutreffender. Zudem besteht bei solchen Zahlenangaben die Gefahr einer Generalisierung und unzulässigen Vereinfachung: Leicht werden aufgrund der Verfolgung oder Diskriminierung einiger Christen in einem bestimmten Land, alle dort lebende Christen als Verfolgte gezählt.

  • Was sind die Hauptursachen für die Verfolgung und Benachteiligung von Christen? Geht es um Religion? Oder eher um wirtschaftliche, kulturelle oder gesellschaftspolitische Interessen?

Budi Tjahjono: Zunächst können wir feststellen, dass in den Ländern, in denen religiöse Minderheiten verfolgt oder diskriminiert werden – gleich ob Christen oder Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften – auch die Menschenrechtssituation insgesamt miserabel ist. Die Religionszugehörigkeit wird fast immer als Vorwand und als Motivation missbraucht, um politische und ökonomische Machtinteressen durchzusetzen.

  • Unterschiedliche Religionszugehörigkeiten werden in den Medien gelegentlich als Konfliktursache genannt. Ernsthafte Analysen benennen dann häufig andere Gründe. Weshalb lassen sich ansonsten friedliche Bürger mit abstrusen Schuldzuweisungen gegen religiöse Minderheiten instrumentalisieren?

Markus Heinze: Es sind nicht nur Religionszugehörigkeiten, die sich als Instrument zur Spaltung eignen, sondern alles was anders, was fremd ist, sei es eine andere Hautfarbe, eine fremde Sprache, fremde Kultur und natürlich auch fremde religiöse Riten. Fremdes erzeugt häufig Unsicherheit oder gar Angst, Menschen fühlen sich in ihrer kulturellen Identität bedroht. Wenn man keine oder wenig direkte Erfahrungen mit den anderen macht, dann verfestigen sich leicht Vorurteile, die dann nicht mehr auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. In solchen Situationen eignen sich Minderheiten als Sündenbock und sollen häufig von ganz anderen Interessen ablenken.

  • Sollten sich die Kirchen und insbesondere auch die westlichen Regierungen stärker gegen eine Christenverfolgung engagieren, wie es zunehmend einflussreichere Organisationen in Deutschland fordern?

Budi Tjahjono: Wir glauben, dass es nicht zielführend ist, wenn Kirchen oder westliche Regierungen sich ausschließlich für Christen engagieren. Vielmehr gilt es, grundsätzlich für die Einhaltung aller Menschenrechte und die Respektierung von Minderheiten einzutreten. Andernfalls würde dies nur die Vorurteile, insbesondere in muslimisch geprägten Gesellschaften, »Ihr interessiert Euch nur für Eure Leute«, verstärken und »Wasser auf die Mühlen« fundamentalistischer Gruppierungen überall auf der Welt leiten. Die freie Religionsausübung ist ein Menschenrecht, das auch für alle Menschen gleich welcher Religionszugehörigkeit gelten muss.

  • Was kann der Dialog der Religionen oder auch inter-religiöse Friedensgebete wie in Assisi bewirken, um gewalttätige Auseinandersetzungen, Verfolgung und Diskriminierung religiöser Minderheiten einzudämmen?

Markus Heinze: Dialog ist aus unserer Sicht der einzige Weg, wie Respekt vor den »anderen« wachsen und damit Diskriminierung abgebaut werden kann. Interreligiöse Treffen hochrangiger Vertreter der Weltreligionen wie in Assisi können eine nicht zu unterschätzende Bedeutung erlangen, wenn Menschen überall sehen, dass sich Religionsführer gegenseitig respektieren und gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit eintreten. Darauf können sich Menschen in scheinbar religiös motivierten Auseinandersetzungen beziehen.

  • Was sollte vordringlich unternommen werden, um der Achtung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit überall auf der Welt ein Stück näherzukommen?

Francesca Restifo: Erstverantwortliche ist der jeweilige Staat, der die Einhaltung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit garantieren muss. Alle UN-Mitgliedsstaaten haben dies in der UN-Charta unterschrieben und müssen immer wieder darauf verpflichtet werden. Wir halten es zudem für dringend notwendig, die Trennung von politischer und religiöser Macht überall durchzusetzen. Nur so wird es möglich sein, die Menschenrechte und die religiöse Freiheit aller zu wahren. 

 

  • Dieses Interview entstand im Rahmen der Recherche unserer neusten Ausgabe der Zeitschrift Franziskaner: "Verfolgt um des Glaubens willen"

Die Zeitschrift ist kostenlos und kann an Schriftenständen und Auslagen in franziskansichen Einrich­tungen kostenlos mitgenommen werden. Sie können Sich die Zeitschrift auch gerne zuschicken lassen, oder gleich hier im modernen Flash-PDF Format online lesen.

 

 


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