
Das kleine Kloster San Damiano vor den Toren Assisis ist in zweierlei Hinsicht von Bedeutung: In der kleinen, damals verfallenen Kirche hörte Franziskus vom Kreuz herab die Stimme: "Stelle mein Haus wieder her! Siehst Du nicht, wie es zerfällt?" Später siedelte sich Clara mit einigen gleichgesinnten Frauen in San Damiano an und gründete ihren Orden, der heute die Bezeichnung Klarissen trägt. Am 11. August feiern die franziskanischen Gemeinschaften das Fest der heiligen Clara. Über diese mutige Ordensgründerin hat Pater Helmut Schlegel folgende Betrachtung verfasst:
Clara von Assisi
Ein schier unglaubliches Leben. Claras Abenteuer ist noch spannender als jenes von Francesco.
Draußen vor der Stadt. Wind und Wetter ausgesetzt sind Leib und Seele.
Innen und außen. Dasein genügt Clara. Dem Leben ins Angesicht schauen.
Barfuß auf nacktem Boden gehen. Die Seele entblößen, dass sie aufgeht in Gott.
Ungeschützt.
Mit Clara erst vollendet sich das Kirchbau-Spiel. "Siehst du nicht, wie sie zerfällt?" Francesco stampft das Fundament in den Boden. Setzt Stein auf Stein,
zieht Mauern und gibt der Kirche ihr Dach.
Clara gestaltet die Innenräume. Es wird licht und weit, es duftet nach Leben.
Die Distanz zur Welt ist keine Flucht. Und keine Angst. Nur der Raum,
um das Feuer anzuzünden.
Text: Helmut Schlegel OFM, Frankfurt/Main
Foto: Peter Fobes OFM. Das Bild zeigt den Innenhof von San Damiano
Und es begab sich, darauf wanderte Jesus durch Städte und Dörfer, predigte und verkündete die Heilsbotschaft vom Reiche Gottes (Lk 8,1).
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
so nützlich und demütig,
so köstlich und keusch.
(aus dem Sonnengesang des heiligen Franziskus)
Die Predigt Jesu orientiert sich an der realen Situation der Menschen, in der sie leben. Er nimmt sie ernst. Er setzt beim Wirklichkeitsverständnis an, er greift in seiner Verkündigung immer wieder Beispiele aus der Natur und dem menschlichen Alltag auf. Um dieses Ernst-Nehmen, die Dinge sehen wie sie sind, darum geht es. Mit dem heiligen Franziskus gesprochen: Wir müssen klares Wasser werden. Klares, reines Wasser ist durchsichtig, deshalb nennt Franziskus Wasser auch demütig und keusch. Es rinnt so lange nach unten, bis es den tiefsten Punkt erreicht hat. Demut meint Mut zum Dienen. Dabei geht es nicht um das Dienen unseren eigenen Interessen gegenüber, sondern um das Dienen dem Eigentlichen und Ursprünglichen. Eigeninteresse und Unlauterkeit trüben das Wasser. Unser Denken, unser Tun muss immer durchsichtig sein auf Gott hin, so wie Wasser auch durchsichtig ist. Wasser hat auch die schöne Eigenschaft, Spiegel zu sein. Der, der hineinschaut, sieht sich selbst. Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung vermögen nur Klarheit in Bezug auf unsere eigenen Motive und Durchsichtigkeit in Bezug auf unsere Gotteskindschaft Orientierung zu geben.
Text: aus einem Vortrag von Franz Lackner OFM, Weihbischof der Diözese Graz-Seckau zum Thema „Verborgenheit und Erkenntnis Gottes - `Es ist so`“
Foto: Heike Brinkemper, Wiedenbrück
Das Foto zeigt den Franziskusbrunnen vor der Pforte des Franziskanerklosters Wiedenbrück
Jesus sagt in seiner Bergpredigt:
Sorgt Euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Betrachtet die Vögel des Himmels: Sie sähen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? (Mt 6,25-26)
Ein Vogelkind, kürzlich erst aus dem Ei geschlüpft. Neugierig reckt es den Kopf aus dem Nest. Es spürt: Die Sonne. Die Luft. Die Speise, die die Mutter ihm bringt. All dies braucht es jetzt, und letztlich wird es ihm von Gott geschenkt. Voller Vertrauen ist dieser Vogel und er wird nicht enttäuscht. Später wird die Sonne ihm Licht spenden, die Luft ihn beim Fliegen tragen und die Natur ihn nähren.
Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Mit diesen Worten meint Jesus, dass - wenn schon die Vögel von Gott versorgt werden - erst recht wir uns um die Zukunft nicht zu sorgen brauchen. Dieses Wissen macht gelassen und innerlich froh.
Wenn die vier deutschen Franziskanerprovinzen am 1. Juli 2010 zu einer gesamtdeutschen Provinz vereinigt werden, melden sich sicherlich auch manche Sorgen. Aber gerade der Ordensgründer Franziskus hat uns vorgelebt, wie wir alles in Gottes Hand legen können; vielleicht dachte er auch an die Vögel des Himmels.
Text: Peter Fobes OFM
Foto: Klaus Steinbüchl OFM
Jesus sprach zu seinen Aposteln: „Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – amen ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mk 9,41)
Dienen bedeutet im Grunde Fragen stellen. Nicht irgendwelche Fragen, sondern solche, die sich an die Person richten und in denen es um die Person geht. Zum Beispiel: „Was brauchst du?“ Darin verbirgt sich Anteilnahme, Sympathie, Mitgefühl. Fragen sind Alternativen zu Behauptungen. Behaupten muss ich mich, wenn ich um mein Ansehen bange, wenn ich kämpfe, um mich gegen andere durchzusetzen. Sobald ich aber den Kampf um die Selbstbehauptung aufgebe, sobald ich beginne zu fragen – nach dem Befinden, dem Glück und dem Wert des anderen –, setzt eine neue Bewegung ein. Es ist – biblisch gesprochen – die Bewegung der Demut, in der ich gleichwertig werde und eben darin meinen Wert, meine Würde und meine Anerkennung finde.
Es ist erstaunlich, was einfache Fragen bewirken können. „Wie geht es dir?“ – „Habe ich dir wehgetan?“ – „Was meinst du dazu?“ Ehrlich gestellt kann eine solche Frage eine völlig verfahrene Situation umkehren. Sie kann die Augen eines Kranken zum Strahlen bringen. Sie kann eine Freundschaft stärken. Sie kann verhärtete Gesichtszüge entspannen. Sie kann schweigende Gegner wieder zum Sprechen bringen. In diesem Sinn meint Jesus sein Wort an die Jünger: „Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – amen ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“
Text: Helmut Schlegel OFM. Aus seinem Buch "Mit dem Feuer des Geistes", Echter Verlag, Würzburg 2005
Bild: Elke Salzer/ www.pixelio.de
Christsein wurzelt im Glauben an die Auferstehung Jesu Christi:
Er ist wahrhaft auferstanden – Halleluja!
Sei ehrlich: bedeutet dir das etwas in deinem Alltag?
Würdest du anders leben, wenn Er nicht auferstanden wäre?
Jesus sagt:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.
An Ihn glauben heißt nicht:
sagen, dass ich an Ihn glaube,
sondern,
so leben, dass mein Alltag ein schrittweises Einüben des Vertrauens in Ihn ist.
Schrittweise, nicht alles auf einmal!
Und dann wirst du nicht sterben!
Dein Leib schon, deine Gestalt wohl,
aber nicht das, was du bist,
nicht das, was dein lebendiges Leben ausmacht!
Da ist etwas in dir,
etwas Lebendiges,
das Gott so kostbar ist,
dass Er es in Ewigkeit nicht sterben lassen will.
Du bist gemeint mit der Botschaft der Auferstehung!
Text: Schwester Ancilla Röttger OSC, Klarissenkloster Münster
Jahr für Jahr findet in Wiedenbrück/Westfalen am Karfreitag die traditionelle Kreuztracht statt. Diese Prozession ist dem Leiden und Sterben Christi gewidmet und zieht von der Franziskanerkirche durch die historische Stadt. Das Wort "Kreuztracht" leitet sich vom "Kreuz tragen" ab. Von traditionellen Gesängen begleitet, gedenken die Franziskaner und die anderen teilnehmenden Gläubigen der Passion Jesu Christi und seines Weges durch Jerusalem. In der Prozession trägt ein Mann, gekleidet in weißer Tunika und rotem Überwurf, wie Jesus das Kreuz. Auf dem Weg sind sieben Stationen vorgesehen, an denen er niederkniet, während ein Chor das O CRUX AVE SPES UNICA (O Kreuz, unsere einzige Hoffnung, sei gegrüßt) singt. Ein als Simon von Cyrene gekleideter Mann hilft das Kreuz tragen. Die beiden Männer, die Jesus und Simon vergegenwärtigen, haben das Gesicht unter einer Maske verborgen. So bleiben sie anonym.
Die Teilnahme an der Prozession verbindet die Kreuzträger, aber insbesondere auch alle anderen Gläubigen innerlich mit der Passion Jesu. Es genügt offenbar nicht, die Leidensgeschichte Jesu nur in der Heiligen Schrift zu lesen. Es berührt den Menschen zusätzlich, sie anschaulich vor Augen wiederkehren zu lassen.
"Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Lk 9,23).
Gerade in diesem Schriftwort wird es deutlich: Jesu Jünger sein heißt ihm nachfolgen, seinen Weg gehen. Dabei "sich verleugnen", d.h. sich vom egoistischen Ich abwenden, und "täglich sein Kreuz auf sich nehmen", sich also den Erfordernissen des Lebens stellen - gerade wenn sie einem schwer fallen. So kann sowohl dieses Schriftwort als auch das Bild des Kreuzträgers in Wiedenbrück dazu anregen, die Passion zu meditieren und mit dem eigenen Leben in Verbindung zu setzen. Und am Osterfest wird dann die Botschaft der Auferstehung umso stärker erlebt.
Die Kreuztracht in Wiedenbrück findet schon seit dem 17. Jahrhundert statt. Die teilnehmenden Gläubigen reihen sich somit Jahr für Jahr in die Schar der Menschen ein, die durch die Jahrhunderte diesen Weg gegangen sind. Die historischen Fotoaufnahmen verdeutlichen, wie die Tradition stets unverändert weitergegeben wurde, gut erkennbar, weil beide Bilder an derselben Stelle aufgenommen wurden: das eine um 1927, dass andere 2007, also mit 80 Jahren Unterschied.
Foto: © Andreas Kirschner, www.foto-wd.de
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Jesus Wundmale trug, am Kreuz verwundet wurde, weil die Menschen an der unerlösten Schöpfung leiden, weil die Menschen verwundet sind. Die Wundmale einer leidenden Menschheit sind die Wundmale Jesu! Das Kreuz der Menschheit ist das Kreuz Jesu. Er leidet, weil sie leiden, die er liebt.
Franziskus liebte Christus. Und weil der, den er liebte, verwundet ist, Wundmale trägt, darum trägt auch Franziskus Wundmale. Es tut ihm weh, dass Christus leidet, es tut ihm weh, dass die Menschheit leidet. Darum trägt Franziskus die Wundmale Christi. Darum trägt Franziskus die Wundmale der Menschen.
So frage ich mich heute: Tut es mir weh, dass Christus verwundet ist?
Trage ich Wundmale, weil Menschen, wo auch immer auf der Welt, Wundmale tragen? Es ist eine Frage der Liebe!
Text: P. Franz Josef Kröger OFM, Werl, aus seinem Buch "Auf den Spuren von Franziskus", Werl 1993
Bild: Schw. Ancilla Röttger OSC, Münster

Als Jesus einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er wieder zu Hause war. Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. (Markus 2,1-2)
Wir können immer mit der Frage beginnen: Was will der Evangelist uns sagen? Die Antwort darauf heißt: Er möchte uns mit den verschiedensten Begebenheiten aus dem Leben Jesu verkünden, wer dieser Jesus ist. Mit dieser Verkündigung greift der Evangelist etwas auf, was Jesus selbst auch getan hat. So heißt es im Evangelium: Jesus verkündete den vielen Menschen, die sich bei ihm versammelt haben, das Wort. Dieses Wort, in das er sein eigenes Leben eingeborgen hat, lebt weiter bis in unsere Tage. Und jetzt haben wir den Auftrag, es weiterzutragen, weiterzuverkünden. Wir alle haben von Jesus Christus gehört. Keiner von uns Menschen hat den Glauben an ihn, ohne dass er das Wort gehört hätte. So bedarf es immer der Menschen, die das Wort weiterverkünden, und es bedarf derer, die es hören, die zuhören. In beidem finde ich mich selbst wieder. Ich habe den Auftrag, das Wort zu verkünden und bin zugleich auch Hörer des Wortes. Durch das Hören wird mir das Leben des Herrn stets neu geschenkt. Je mehr ich hörend das Leben des Herrn in mich aufnehme, umso mehr kann ich es im Wort weiterverkünden.
Text: Wendelin Reisch OFM
Bild: Natanael Ganter OFM
Das Bild zeigt das Evangelienbuch in der Franziskanerkirche Wiedenbrück

Christen zeichnete zu allen Zeiten eine besondere Dynamik aus. Christen sind Menschen mit Hoffnung. Sie hofften selbst dort, wo es nach menschlichem Ermessen nichts mehr zu hoffen gab: „sperare contra spem“ lautete die Maxime der ersten christlichen Generationen. Christen sind – und das ist ihre Stärke – im wahrsten Sinn des Wortes „Anfänger“. Ihre Stärke liegt in einer besonderen Form von Mut, der Demut, immer wieder neu anzufangen. Heilige und große Vorbilder im Glauben haben uns das gezeigt. Der heilige Franziskus ruft am Ende seines Pilgerweges, nachdem seine Nachfolge auf den Spuren des armen Jesus von Nazareth eine Leuchtspur durch ganz Europa gezogen hat, den Brüdern zu: „Lasst uns anfangen, denn bis jetzt haben wir noch nicht viel getan.“ Der Bekenner Dietrich Bonhoeffer sprach beim Betreten der Hinrichtungskammer: „Das ist das Ende. Für mich der Beginn eines neuen Lebens.“ Christen hatten zu allen Zeiten den Mut auf den Scherbenhaufen ihrer Vergangenheit, an den Grabhügeln ihrer verblassten Träume und Sehnsüchte, dennoch an die Zukunft und an das Leben zu glauben.
Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres. Was es bringen wird, wissen wir nicht, aber eines ist gewiss: wir sind zur Hoffnung berufen! Besinnen wir uns auf diese ureigene Stärke des Christseins. Lassen wir diesen ersten Tag des Jahres nicht einfach vorübergehen, sondern setzen wir einen Neuanfang. Fangen wir an! Machen wir Ernst mit Gott und geben ihm, der Leben in Fülle verspricht, eine neue Chance.
Anfang und Ende des Lebens sind ausgezeichnete Momente. Jedem Anfang wohnt eine Unschuld inne. Anfangen, so es ehrlich und authentisch ist, kann nie falsch sein. Ein ehrlicher Anfang verlangt dem Menschen auch sehr viel ab, denn es gibt noch keinen vorgezeichneten Weg. Anfangen erlaubt keinen Blick zurück. Wir müssen den Mut haben, vom Jetzt aus den Schritt in die Zukunft zu wagen. Das sind wir nicht gewohnt. Zu gerne handeln wir aus der Vergangenheit heraus. Das Vergangene, vornehmlich die schlecht gemachten Erfahrungen, schreiben uns nicht selten die Zukunft vor. Wir leben unsere Berufung zum Menschsein leider allzu oft nach derartiger Vorschrift, und das wird selbst dort noch getan, wo eine gewisse Skepsis Regeln und Gesetzen gegenüber vorherrscht. Der Neuanfang im Glauben setzt den Schritt nicht so sehr ausgehend von Vergangenheit, sondern beginnt bei Gegenwart und führt in die Zukunft. So dürfen wir als Glaubende mit der Offenheit eines Kindes in das neue Jahr blicken.
Gott ist ein menschenfreundlicher Gott. Es stimmt, es ist seine Freude bei den Menschen zu wohnen, aber Gott ist auch ein Gott der Überraschungen! Er liebt es gleichsam immer wieder neu entdeckt zu werden. Vor allem ist er der auf uns Zukommende. Gott liegt nie hinter uns. Die Zeit Gottes ist unsere Zukunft.
Bereits in der Antike wusste man: „Ein kleiner Irrtum am Anfang ist ein großer am Ende.“ Darum sollen wir kurz inne halten und die Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo ein Neuanfang schon gelungen ist. Die Kirche stellt uns an diesem ersten Tag im neuen Jahr Maria, die Mutter Gottes, vor. Maria hat sich vorbehaltlos auf Gott eingelassen. Bei ihr und in ihr durfte Gott einen neuen Anfang setzen. Maria hatte ein offenes Herz für Gott. Dieses Zeugnis möge uns Mut geben, in gläubiger Bereitschaft den Weg ins neue Jahr zu beginnen. Es möge für uns alle, die Kirche und für die ganze Menschheit ein Jahr des Segens sein.
Text: Weihbischof Franz Lackner OFM, Graz. Ausschnitt aus seiner Neujahrspredigt im Grazer Dom am 1.1.2006
Bild Copyright: Marco Barnebeck / pixelio.de
Das war er, der Grenzzaun, der „eiserne Vorhang.
Auf unserem Bild ist er durchbrochen.
Das war das Wunder von 1989:
eine Grenze – unüberwindbar, undurchdringlich – öffnete sich.
Es war ein überdimensionales „Effata“,
das Deutschland vor den Augen einer staunenden Welt erlebte.
Menschen, durch Stacheldraht und Todesstreifen getrennt,
lagen sich in den Armen.
Das Wort von Günter Schabowski
„Nach meiner Kenntnis gilt das ab sofort“,
schenkte der Sehnsucht von 40 Jahren Erfüllung:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“.
In der Zeit des Advent bündelt sich die Sehnsucht der Menschheit
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ –
das Tor zum Himmel, die Tür von Gott zum Menschen.
Ich kann meine Türen aufmachen,
Gott muss seine Tür aufmachen.
Und die hat er aufgemacht
bei jenem die Weltgeschichte verwandelnden „Effata“
vor 2000 Jahren, als er seinen Sohn sandte,
als „der Himmel die Erde geküsst hat“ (Siegfried Fitz).
„Nach meiner Kenntnis gilt das ab sofort!“
Das hat Franziskus begriffen,
als er 1225 in Greccio das Weihnachtsereignis spielte,
richtig mit Ochs und Esel.
Ob wir begreifen,
dass die göttliche Türöffnung im Weihnachtsgeheimnis
für heute geschehen ist:
„Nach meiner Kenntnis gilt das ab sofort!“
Text: Br. Heribert Arens ofm vom Kloster Hülfensberg im 500m-Schutzstreifen der ehemaligen DDR-Grenze
Zivilcourage und Gottesfurcht
In besonderer Weise hat mich von Dietrich Bonhoeffer der Satz beeindruckt: „Es gibt in unserem Land die Tugend der Tapferkeit, aber es mangelt an der Tugend der Zivilcourage“. Das gilt bis heute! – Zivilcourage ist das Gegenteil von Anpassung und Menschenfurcht. Faktum ist, dass wir uns irgendwo durch den Dschungel von Meinungen und Positionen durchlavieren und versuchen, heil herauszukommen. Gegen den Strom zu schwimmen, Position zu beziehen für die Wahrheit und für die Entrechteten, setzt voraus, dass ich mir eine Meinung bilde, die nicht den Schlagzeilen der Boulevardblätter und nicht dem Trend der Stammtischgespräche entsprechen. Eine Meinung vielmehr, die überlegt und im Gewissen durchlitten ist.
In der Bibel findet sich der Begriff „Zivilcourage“ nicht ein einziges Mal, dagegen finden wir 59-mal das Wort „Gottesfurcht“. Wer meint, diese habe etwas mit der Angst vor Gott zu tun, möge die biblischen Zeugnisse genau lesen. Gottesfurcht meint, dass wir niemanden und nichts zu fürchten brauchen, weder ein Schicksal noch ein System noch einen Intriganten noch einen Despoten. Im Letzten kann uns niemand die Freiheit aus der Seele reißen, auch im gefährlichsten Augenblick bleiben wir freie Person und bestimmen über uns selbst. Als Gottesfürchtige bezeichnet die Bibel jene Menschen, die vor niemandem ihre Knie beugen außer vor Gott. Im Herzen solcher Menschen lebt die tiefe Überzeugung, von Gott geschaffen zu sein, aus ihm zu leben und zu ihm einmal heimzukehren.
Text: Helmut Schlegel OFM. Aus seinem Buch "Mit dem Feuer des Geistes", Echter Verlag, Würzburg 2005
Bild: S. Hofschlaeger/ www.pixelio.de
Als katholischer Christ kommt man am Rosenkranz nicht so einfach vorbei. Zu weit reicht diese Frömmigkeitsform in die Vergangenheit der Kirche zurück. Zu viele Menschen haben in diesem Gebet nicht nur Trost und Hilfe gesucht, sondern auch gefunden. Zu sehr gehört der Rosenkranz zur Erfahrung der ältern Generation. Zu unübersehbar ist aber auch seine Wiederentdeckung in der Spiritualität der Gegenwart. Dabei denke ich noch nicht einmal an seinen neuen ‚Standort’, dem Innenspiegel eines Autos, oder als Anhängsel frommer und auch weniger frommer Hälse, die sich dem Trend einfach nicht entziehen können.
Legende und Geschichte
Wer sich ernsthaft mit dem Rosenkranz beschäftigt, der wird eine ganze Reihe erstaunlicher Entdeckungen machen. Die Legende erzählt, dass die Gottesmutter Maria den Rosenkranz dem hl. Dominikus (1170 – 1221) anvertraut hat. Erst 300 Jahre später (1596) erlaubte Pius V. den offiziellen Gebrauch dieses Gebetes in seiner heutigen Form. Der geschichtliche Hintergrund war wohl der Wunsch und das Bedürfnis vieler Christen, ein ihnen entsprechendes Gegenstück zur Gebetspraxis der Mönche und Nonnen in den Klöstern zu haben. Diese beteten in ihren Tagzeiten die 150 Psalmen, den Psalter. Dem entsprechend beteten ‚die Laien’ 150 mal den ‚Englischen Gruß’, den erste Teil des Ave Marias. Der zweite Teil dieses Gebetes, die Anrufung der Fürsprache Mariens für uns Sünder und in der Stunde des Todes hat sich im 14./15. Jahrhundert entwickelt. Ein Kartäusermönch hat die 150 Ave in 15 Gesätze unterteilt. Jeweils zehn Aves wurde ein Vaterunser vorangestellt und ein ‚Ehre sei dem Vater’ angehängt. Diese Grundstruktur blieb für über 400 Jahre unverändert.
Von Leo XIII. an (1878 – 1902) hat es kein Papst versäumt, dem Rosenkranz, und damit einer marianisch geprägten Frömmigkeit seine Aufmerksamkeit zu schenken. Bei Johannes Paul II. kamen sicher noch ganz persönliche Erfahrungen hinzu, wie die religiöse Prägung durch seine polnischen Heimat und das Attentat auf ihn am 13. Mai 1981.
Das Leben Jesu wird lebendig
Den Rosenkranz beginnt man mit dem Zeichen des Kreuzes. Das Kreuz ist das Symbol des Christlichen. Mit diesem Zeichen bezeichnen wir Stirn, Brust und Schultern, unser Denken (Verstand), unser Fühlen (Herz) und den Raum unseres Wirkens nach rechts und nach links, in dieser Welt und unter den Menschen.
Dann beginnt das langsame sich Vorantasten von Perle zu Perle, von Kostbarkeit zu Kostbarkeit, von Geheimnis zu Geheimnis. Es ist das Geheimnis, das uns umgibt und aus dem wir leben; das Geheimnis - nicht das unbekannt Dunkle, sondern das leuchtend Helle von Gottes Wirklichkeit, wie es uns die Ikonen verkünden. In der Wiederholung der Worte und im Berühren der Perlen verbinden sich Geist und Leib miteinander. Wir haben etwas in Händen, bewegen etwas durch unsere Finger und verweilen bei den Bildern der Hoffnung und Erlösung, wie sie aus der Geschichte Jesu vor uns auftauchen. ‚Wenn man den Rosenkranz andächtig betet, so Mutter Teresa, wird das Leben Jesu vor uns lebendig.’
Im Vaterunser beten wir das Gebet, das Jesus seinen Jüngern gelehrt hat; sie sollten anders beten als die Heuchler und anders als die Heiden (vgl. Mt 6,5-13), nicht demonstrativ, um gesehen zu werden, und nicht plappernd – weniger ist mehr.
Jedes Ave erinnert uns an das Herz des christlichen Glaubens, an das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Der Gruß des Engels an Maria und die Freude Elisabeths bei der Begegnung mit ihr (Lk 1,28.42) schwingen ineinander. Die Offenbarung des göttlichen Willens und die Freude über das Ja des Menschen, der Gottes Willen ‚geschehen’ lässt, der ‚ja’ sagt zu dem, was Gott mit ihm und durch ihn will, entsprechen einander. Maria hat dieses ‚ja’ gesprochen. Die Jungfrau wurde zur Mutter des Erlösers, dies ist die gläubige Überzeugung der ganzen Christenheit. Maria kommt diese Schlüsselrolle zu. Der Rosenkranz hat sie nicht erfunden, er reflektiert sie nur.
Irgendwann in der Geschichte des Rosenkranzes wurde der Name Jesus zum geisterfüllten Gruß Elisabeths hinzugefügt: und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus. Hier ist der Höhepunkt des Gebetes, denn ihm – Jesus – hat Gott den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesus (Phil 2,9). Was der Engel Maria verkündet und was Elisabeth geisterfüllt zu ihr gesagt hat, verdichtet sich in diesem Namen: Jesus – Gott wird retten. Zu dieser Glaubensgewissheit führt uns der Rosenkranz.
In drei großen Zyklen wird das Leben Jesu und die Geschichte unseres Heils betrachtet. Wir begegnen dem menschgewordenen Gottessohn, wir betrachten das dunkle Geheimnis seines Leidens und Sterbens, und wir nehmen teil an der Freude, die ihren Grund in seiner Auferstehung von den Toten und in der Erneuerung der Welt hat. Heute kommt noch ein vierter Zyklus hinzu, der lichtreiche Rosenkranz, der das öffentliche Wirken Jesu betrachtet.
Erst am Begin des 16. Jahrhunderts wurde der zweite Teil angefügt: die Anrufung Mariens als Fürbitterin zur Vergebung unserer Sünden jetzt und in der Stunde des Todes. Nicht nur die Zeit wird um den Grund und die Notwendigkeit dieser Bitte gewusst haben.
Der Fatima-Zusatz nach jedem Gesätz ist fakultativ: O mein Jesus… Er kann wegfallen oder durch ein anderes kurzes Gebet ersetzt werden.
Meditativ beten
Die jeweils 10 Ave sind wie das Ticken einer Uhr, das uns die Zeit des Verweilens anzeigen will; ein Maß, das uns nicht binden oder fesseln, sondern nur leiten will.
Als Gebet der Kontemplation öffnet uns der Rosenkranz den ganzen Reichtum der Frohen Botschaft. Nicht die Worte sind das Wesentliche, sondern das, was über die Worte hinaus und jenseits der Worte in Gottes Gegenwart führt. Hier spielen das Maß und die Zeit und die Worte keine große Rolle mehr. Und wo wir mit unseren Gedanken abschweifen kehren wir einfach wieder zurück zu den Geheimnissen; wo wir bleiben wollen, bleiben wir; was uns heute nicht anspricht, spricht uns morgen oder übermorgen an.
Wer den Rosenkranz so zu beten versucht, der hat das Atemholen nicht nur der Seele entdeckt. Wenn der Beter die immer lauernde Versuchung zur Heuchelei und zum Plappern hinter sich gelassen hat, kann er zur Gebetsweise Mariens vordringen: sie bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen (Lk 2,19).
Als Gebet der Wiederholung lebt der Rosenkranz von einer abwechslungsreichen Gestaltung. Eine Neuentdeckung und Neubelebung dieses Gebets der biblisch orientierten Spiritualität wird bei uns sicher noch einige Hindernisse zu überwinden haben. Das Kreuz und die Perlen, das unverwechselbar Christliche und die Kostbarkeiten unseres Glaubens sind ein Schatz, der uns anvertraut ist, und der uns auf unserem Weg durch die Zeit begleiten will. Sie sind deshalb da, damit wir ,etwas in der Hand haben’.
Text: Hadrian W. Koch OFM
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Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. (Johannes 15,5)
Das Bild vom Weinstock war dem Volk Israel gut bekannt. Die Propheten hatten immer wieder im Bild des Weinstockes das Verhältnis des Volkes zu ihrem Gott Jahwe beschrieben. Es war die Pflanze, die sich Gott selbst gepflanzt und großgezogen hatte. Auf diesem Hintergrund ist es ein ungeheuerliches Wort, das Jesus ausspricht: Ich bin der wahre Weinstock. Er tritt an die Stelle des Volkes Israel. Dieses ist nun aufgerufen, ihm zu glauben und so weiter Weinstock in ihm zu sein.
Jesus deutet es uns an, warum er diesen Anspruch erheben kann. Er sagt: Ich bin. Das Wort erinnert an den Gottesnamen, der dem Moses mitgeteilt worden ist. Jesus beansprucht diesen Namen, denn in ihm ist das Leben und die Wirklichkeit Gottes, seine Liebe und Treue, zu uns Menschen gekommen. Darum kann Jesus im Bildwort vom Weinstock sein eigenes Leben zum Ausdruck bringen. Er ist der richtige Weinstock schlechthin. Alle anderen Weinstöcke haben nur insoweit Gültigkeit und Wahrheit in sich, wie sie von seinem Leben in sich tragen. Die Geschichte der Menschen kann uns erzählen, wie viele Herrscher sich als letzte Größe ausgegeben haben und doch alle gestorben sind und mit ihnen ihr Reich untergegangen ist. Immer wieder hängen die Menschen sich an solche vergängliche "Weinstöcke" und enden in der Vergänglichkeit. Es gibt nur einen Menschen, der von sich sagen konnte "Ich bin der wahre Weinstock", und dies ist Jesus Christus.
Text: Wendelin Reisch OFM
Bild: Copyright Kurt Bouda/ www.pixelio.de
Die franziskanischen Orden begehen jährlich am 11. August das Fest der heiligen Klara, der Gründerin der Klarissen.
„Nachdem jedoch die anderen Schwestern daran gingen, ihre müden Glieder auf hartem Lager neu zu stärken, harrte sie selbst, stets wachsam und unerschütterlich, im Gebete aus, damit sie heimlich den Inhalt des göttlichen Flüsterns erlausche….“
So schreibt Thomas von Celano über die hl. Klara von Assisi im 19. Kapitel ihrer Lebensbeschreibung. Im 38. Kapitel schreibt er dann: „Denn öfters in kalten Nächten deckte sie mit eigener Hand die Schlafenden zu, und von denen, die sie für zu schwach hielt, die gemeinsame Strenge des Lebens zu halten, wollte sie, sie sollten sich mit einer gemilderten Lebensweise zufrieden geben“.
Gottes- und Nächstenliebe bilden bei Klara eine tiefe Einheit. Ihr „ganz Ohr“ sein gilt beiden: Gott und Mensch, in beiden feiert sie beständig Begegnung. Ihre Gotteserfahrung macht geradezu ihren Blick frei für alle alltäglichen Begebenheiten, in denen ihr Gott in anderer Gestalt begegnet: in der konkret leidenden, traurigen, frierenden Schwester. Der Mensch, der wirklich zutiefst von Gottes liebendem Wort getroffen und betroffen ist, ist kein „für sich“ mehr, er ist immer auch schon Gesandter, er wird nur in die Höhe gehoben, um der Tiefe standzuhalten, ihr nicht mehr zu entfliehen. 6 Tage vor dem Fest der hl. Klara feiern wir das Fest der Verklärung Christi. Es sagt uns doch genau das: Jesus schauen: ja, für einen Augenblick und nur, um danach hinabzusteigen, hinab in die Banalität des Alltags, in Not vielleicht und Leid, eigenes und fremdes, aber immer mit der Erfahrung des Lichts im Herzen, die manchmal nur noch als Ahnung weiterlebt. So bleibt Klaras Leben ausgestreckt zwischen diesen beiden Polen: Gott und Mensch, oben und unten. Kontemplation und Aktion waren für sie keine Gegensätze, sondern befruchteten einander, und sie gibt uns diese Erfahrung als Mahnung in ihrem Testament mit auf den Weg: „Und liebt einander Kraft der Liebe Christi und zeigt die Liebe, die ihr im Herzen habt, auch nach außen durch die Werke, damit die Schwestern durch dieses Beispiel immer in der Liebe zu Gott und in der Liebe zueinander wachsen."
Text: Sr. M. Magdalene Bauer, OSC - Orden der Heiligen Klara, Kevelaer
Wir freuen uns auf diese Wochen der Erholung, des Ausspannens, des Sammelns neuer Kräfte. Wir haben endlich einmal Zeit für Dinge, die der Alltag, der Stress und die Routine nicht zulassen.
Zeit auch für Gott, ihm einmal Raum zu geben in unserm Leben. Am Urlaubsort finden wir sicherlich eine Kirche, die geöffnet ist, die uns einlädt einzutreten, die uns Ruhe und Besinnung schenkt. Wir können ein Gebet sprechen, um ruhig zu werden und uns Gott zu öffnen. So wird der Urlaub nicht nur eine körperliche Erholung, sondern eine Erneuerung an Leib, Seele und Geist.
Text und Foto: Peter Fobes OFM
Ich muss wieder an den heiligen Franziskus denken. Er hat das Evangelium wörtlich in sein Leben aufgenommen und darin verwirklicht. Ich nehme an, dass er erfahren hat, dass Gott Vater und Gott Sohn zu ihm in sein Leben gekommen sind. Er musste fortan nicht mehr allein nach den Geboten leben, sondern die Gegenwart Gottes hat ihn in seinem Leben getragen und motiviert. Er hat die Wahrheit des anderen Wortes erfahren, das Jesus seinen Jüngern gesagt hat: Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Im Leben mit dem Herrn hat er eine ungeahnt tiefe Einsicht in das Wirken Gottes in dieser Welt und in den Menschen bekommen. Er sagt zum Beispiel, der Heilige Geist sei der eigentliche Leiter seines Ordens. Er glaubte an die Gegenwart und das Wirken eben dieses Heiligen Geistes in jedem Bruder. Darum konnte er offen sein auch für das, was der ungebildetste Bruder zu sagen hatte. Es hat sich in seinem Leben gezeigt, dass das Wort wahr ist, wer den Herrn liebt, wird an seinem Wort festhalten. Er hat so sehr am Wort, das ihm durch die Kirche gesagt und überliefert wurde, festgehalten, dass er die katholische Kirche nie verlassen hätte.
Text: Wendelin Reisch OFM
Foto: www.pixelio.de /Elisabeth Patzal
Bischof Ignatius von Antiochien hat diese Worte “Nehmt Gottes Melodie in euch auf” um das Jahr 105 an seine Gemeinde von Ephesus geschrieben. Offenbar war er der Überzeugung, dass Gott für jede und jeden von uns eine bestimmte Melodie ausgesucht hat, auf die wir gestimmt sind.
Für alle, die getauft sind, ist ihre Lebensmelodie auf die von Jesus Christus gestimmt. Er ist das Liebeslied, das Gott selbst in die Welt hineingesungen hat, denn wenn Gott die Liebe ist, sind seine Lieder Liebeslieder.
Der Monat Mai ist – ob nun zu recht oder unrecht – der Wonnemonat, der Monat der Liebe.
Auch das Kirchenjahr sieht das wohl so und ehrt besonders die Frau, in der Gottes Liebeslied seinen schönsten Widerhall gefunden hat: Maria, die Frau, in der Gottes Liebeslied Mensch geworden ist. Natürlich kann man das auch anders ausdrücken, und die Tradition hat viele Möglichkeiten gefunden.
Was aber bleibt: Maria selbst ist die große Sängerin in ihrem ‚Magnifikat’. Sie ist sich der Liebe Gottes bewusst, wenn sie ihre Seele ihn hoch preisen lässt. Maria weiß um die Liebe Gottes, die nie endet – von Geschlecht zu Geschlecht, von Generation zu Generation. Sie besingt die Liebe, die nicht nur hilflos zuschaut, wenn Mächtige ihre Macht missbrauchen und Ohnmächtige unten gehalten werden sollen. Maria besingt Gottes Liebe als das Brot für den Alltag; sie besingt Gottes Gerechtigkeit, die mit Hunger und Sattheit ihre eigenen Wege geht.
Maria hat Gottes Melodie in sich aufgenommen und in sich selbst Raum gegeben. Sie hat ihre Lebensmelodie auf die Lebensmelodie ihres Sohnes gestimmt. In ihrem Gesang ist sie zur besten Interpretin seiner Botschaft und Sendung geworden.
“Jesus Christus ist das Liebeslied Gottes für uns” hat Ignatius gesagt, und Franziskus so verstanden, wenn er mit zwei einfachen Holzstöcken Geige spielte. Der, der gottverliebte Sänger und Spielmann.
Das wäre eine schöne Maiandacht, wenn wir mit dem Sänger der Psalmen singen würden: Er legte mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf ihn, unsern Gott. Viele werden es sehen, sich in Ehrfurcht neigen und auf den Herrn vertrauen (Ps 40,4).
Text: Hadrian W. Koch OFM
Foto: pixelio.de/ Rainer Sturm

Jesus schenkt Versöhnung
Jesus gibt sein Leben bis zum bitteren Ende für die Armen und Sünder hin. Der erste, der die Vergebung geschenkt bekommt, ist Petrus, der ihn verleugnet hat und dies bereut. Des weiteren tröstet Jesus die Frauen, die um ihn klagen und weinen. Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben.
Ebenso bekommt der Schächer, der sich zu Jesus bekennt, seine vergebende Liebe. Der Schächer sagte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Bis zum letzten Atemzug ist der Herr der Heiland der Menschen. Selbst für die, die ihn kreuzigten, betet der Herr: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und mit einem lauten, vertrauenden Gebet vollendet der Herr den Weg seines Erdenlebens, auf dem er den Willen seines Vaters vollzogen hat, Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.
Das Ewige Heute ist unsere Möglichkeit von heute geworden. Wir können wie Petrus Vergebung finden. Wie Jesus im Gebet die Kraft von seinem Vater bekommen hat, so können auch wir uns im Gebet an unseren Vater im Himmel wenden. Als Menschen des Neuen Bundes haben wir die Lebensquelle in der Feier der Eucharistie. Bis zum Ende unseres Lebens sollen wir heilend für die Menschen, selbst für die Feinde, da sein.
Text: Wendelin Reisch OFM
Bild: Stephan Bratek / PIXELIO.DE
Die Fastenzeit lädt zur inneren Umkehr ein, zum Überdenken des Bisherigen und zur Neuorientierung in die Zukunft. Umkehr war auch das zentrale Thema im Leben des heiligen Franziskus. Ein Ereignis in der kleinen, vom Verfall bedrohten Kirche San Damiano vor den Toren Assisis brachte den noch jungen Franziskus auf einen völlig neuen Weg. Dort hörte er vom Kreuz herab eine Stimme zu ihm sprechen: Siehst Du nicht, dass mein Haus in Verfall gerät? Geh also hin und stelle es wieder her!
Sogleich begann er, dieses Kirchengebäude wieder instand zu setzen.
Später dann weitete er den Auftrag aus und erneuerte die Kirche, die aus lebendigen Steinen besteht, die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden.
Erneuerung muss von innen kommen: Die innere Umkehr der Gläubigen bewirkt die Erneuerung der Kirche, die heute wie damals notwendig ist.
Stelle mein Haus wieder her! Dieser Auftrag vom Kreuz herab ist an alle Christen gerichtet. Gerade jetzt in der Fastenzeit dürfen wir uns darauf besinnen.
Text: Peter Fobes OFM
Das Bild zeigt die Kirche San Damiano, Assisi, fotografiert von Fritz Nölke.
Vom 28. Juni 2008 bis 29. Juni 2009 wird das Paulus-Jahr begangen. Vor etwa 2000 Jahren wurde der Apostel Paulus in Tarsus geboren. Er trug wesentlich zur Verbreitung des christlichen Glaubens im 1. Jahrhundert bei. Paulus war ein missionarischer Mensch. Er lebte nicht nur den Glauben für sich, sondern gab ihn an andere weiter, auf drei ausgedehnten Reisen, die ihn in große Teilen des Mittelmeerraumes führten: Kleinasien, Griechenland und Rom, möglicherweise sogar Spanien.
Auch Franziskus von Assisi war ein missionarischer Mensch. Als er einmal bei einem Gottesdienst in der Porziuncola-Kapelle das Evangelium von der Aussendung der Zwölf hörte (vgl. Met 10, 1-15), setzte er die Aufforderung Jesu an seine Jünger buchstäblich in die Tat um: Er legte den Wanderstab beiseite, zog seine Sandalen aus, tauschte den Ledergürtel gegen einen Strick und durchwanderte nun predigend das Land. So gewann er viele Menschen zum rechten Glauben an Christus zurück.
Die heutige Zeit braucht missionarische Menschen, hier in Deutschland genauso wie anderswo. Jeder getaufte Mensch ist dazu berufen, das, was er von Gott erfahren hat, nicht für sich zu behalten, sondern weiterzugeben: er kann darüber sprechen, er kann aus chistlichem Geist handeln, er kann ein christliches Symbol tragen oder sonst sichbar machen, dass er an Christus glaubt.
Wer wirklich von Christus begeistert ist, kann es nicht für sich behalten, er wird es auch anderen miteilen!
Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt die auf einem Berge steht, kann nicht verborgen bleiben. Auch zündet man nicht ein Licht an und stellt es unter den Scheffel, sondern auf einen Leuchter, dann leuchtet es allen, die in Hause sind. So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mat 5, 14-16)
Text: Peter Fobes OFM
Foto: Werner Euteneuer OFM +
Jesus Christus spricht:
Was bei den Menschen
unmöglich ist,
das ist bei Gott
möglich.
(Jahreslosung 2009: Lukas 18,27)
Losungen
Ununterbrochen seit 1731 gibt die Herrnhuter Brüdergemeine, eine evangelische Freikirche, die Losungen heraus. Hierbei handelt es sich um Bibelzitate, die für jeden einzelnen Tag des Jahres sowie die Monate und das ganze Jahr ausgelost und den Menschen als geistlichen Impuls mit auf den Weg durch den Tag gegeben werden. Neben dem gedruckten Losungsbuch, das in mehreren Sprachen erscheint, gibt es heute auch die Möglichkeit, die Losungen per Email oder SMS täglich zu erhalten. Wir erinnern in diesem Monat an diese schöne und alte evangelische Tradition in ökumenischer Verbundenheit.
Informationen zu den Losungen: http://www.losungen.de/
Informationen zur Herrnhuter Brüdergemeine: http://www.ebu.de/
Vom Himmel hoch, da komm' ich her.
Ich bring' euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring' ich so viel,
Davon ich sing'n und sagen will.
Euch ist ein Kindlein heut' gebor'n
Von einer Jungfrau auserkor'n,
Ein Kindelein, so zart und fein,
Das soll eur' Freud' und Wonne sein.
Es ist der Herr Christ, unser Gott,
Der will euch führ'n aus aller Not,
Er will eu'r Heiland selber sein,
Von allen Sünden machen rein.
Er bringt euch alle Seligkeit,
Die Gott der Vater hat bereit,
Daß ihr mit uns im Himmelreich
Sollt leben nun und ewiglich.
So merket nun das Zeichen recht,
Die Krippe, Windelein so schlecht,
Da findet ihr das Kind gelegt,
Das alle Welt erhält und trägt.
Text und Melodie: Martin Luther
Informationen zum Martin Luther.
Maria durch ein' Dornwald ging.
Kyrieleison !
Maria durch ein' Dornwald ging,
Der hatte in sieben Jahrn kein Laub getragen !
Jesus und Maria.
Was trug Maria unter ihrem Herzen ?
Kyrieleison !
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
Das trug Maria unter ihrem Herzen !
Jesus und Maria.
Da hab'n die Dornen Rosen getragen.
Kyrieleison !
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
Da haben die Dornen Rosen getragen !
Jesus und Maria.
Wie soll dem Kind sein Name sein ?
Kyrieleison !
Der Name, der soll Christus sein,
Das war von Anfang der Name sein !
Jesus und Maria.
Wer soll dem Kind sein Täufer sein ?
Kyrieleison !
Das soll der Sankt Johannes sein,
Der soll dem Kind sein Täufer sein !
Jesus und Maria.
Was kriegt das Kind zum Patengeld ?
Kyrieleison !
Den Himmel und die ganze Welt,
Das kriegt das Kind zum Patengeld !
Jesus und Maria.
Wer hat erlöst die Welt allein ?
Kyrieleison !
Das hat getan das Christkindlein,
Das hat erlöst die Welt allein !
Jesus und Maria.
Volkslied aus dem Eichsfeld, 16. Jahrhundert
Musik zum Thema:
O Haupt voll Blut und Wunden
Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.
Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.
Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.
Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht."
Jochen Klepper, 1937
Informationen zu Jochen Klepper
Musik zum Thema:
Musiker Schiller - Die Nacht - hier klicken
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Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit!
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt,
der halben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich an Rat.
Er ist gerecht, ein Helfer wert,
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron' ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unser Not zum End' er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat!
O wohl den Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.
Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit,
eur Herz zum Tempel zubereit‘.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.
Komm, o mein Heiland, Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein,
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein heilig Geist uns führ und leit
den Weg zur ew’gen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.
Georg Weissel (1590-1635) nach Psalm 24
Informationen zu Georg Weissel
Der Thomaner-Chor Leipzig singt "Mach hoch die Tür"
Nun lasst uns den Leib begraben
Nun lasst uns den Leib begraben;
Daran wir kein'n Zweifel haben,
Er wird am Jüngsten Tag aufstehn
Und unverrücklich herfür gehn.
Erd' ist er und von der Erden.
Wird auch zur Erd' wieder werden
Und von der Erd' wieder aufstehn,
Wenn Gottes Posaun' wird angehn.
Seine Seele lebt ewig in Gott,
Der sie allhier aus seiner Gnad'
Von aller Sünd' und Missetat
Durch seinen Sohn erlöset hat.
Sein Arbeit, Trübsal und Elend
Ist kommen zu ein'm guten End';
Er hat getragen Christi Joch,
Ist gestorben und lebt noch.
Die Seele lebt ohn' alle Klag',
Der Leib schläft bis am jüngsten Tag,
An welchem Gott ihn verklären
Und der Freuden wird gewähren.
Hier ist er in Angst gewesen.
Dort aber wird er genesen,
In ew'ger Freude und Wonne
Leuchten wie die helle Sonne.
Nun lassen wir ihn hier schlafen
Und gehn all' heim unsere Strassen,
Schicken uns auch mit allem Fleiss,
Denn der Tod kommt uns gleicher Weis.
Das helf uns Christus, unser Trost.
Der uns durch sein Blut hat erlöst
Von's Teufels G'walt und ew'ger Pein;
Ihm sei Lob, Preis und Herrlichkeit allein!
Michael Weisse,
1488-1534
Dieser Text wurde auch von Johannes Brahms als Op.13 - Begräbnisgesang vertont.
Wo Liebe ist und Weisheit
da ist nicht Furcht noch Unwissenheit.
Wo Geduld ist und Demut,
da ist nicht Zorn noch Verwirrung.
Wo Armut ist mit Fröhlichkeit,
da ist nicht Habsucht noch Geiz.
Wo Ruhe ist und Betrachtung,
da ist nicht Aufregung noch unsteter Geist.
Wo die furcht des Herrn ist,
das Haus zu bewachen,
da kann der Feind keinen Ort zum Eindringen finden.
Wo Erbarmen ist und Besonnenheit,
da ist nicht Übermaß noch Verhärtung.
hl. Franziskus von Assisi
Ermahnungen, Kapitel 27
Am 4. Oktober feiert der Franziskanerorden und die Kirche den Gedenktag des hl. Franziskus. Sein Todestag ist der 3. Oktober 1226.
In diesem Jahr wird am 3. Oktober um 18.30 Uhr die Franziskusstatue vor dem Franziskanerkloster St. Anna in München (Lehel) geweiht.

14. September – Kreuzerhöhung
Patronatsfest der sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuz
Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus.
In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben.
Durch ihn sind wir befreit und erlöst. (vgl. Gal. 6,14)
Das Fest der Kreuzerhöhung wird seit dem Jahr 628 in der Kirche gefeiert. Es ist der Tag nach dem Weihetag der Konstantinischen Basilika über dem Grab Christi in Jerusalem, an dem im Jahr 335 den Gläubigen erstmals das Kreuz Christi gezeigt, d.h. erhöht, wurde. Es wurde im Jahr 325 von Kaiserin Helena wiederaufgefunden.
Am Festtag der Kreuzerhöhung feiert man noch heute in der römischen, orthodoxen und anglikanischen Kirche das Kreuz als Zeichen der Erlösung und Befreiung.
In Berlin kann man an sonnigen Tagen täglich die Kreuzeserhöhung feiern: Wenn die Sonnenstrahlen den 1969 errichteten Fernsehturm treffen, bildet sich das Zeichen des Kreuzes über einer Stadt, in der nur noch gut Drittel der Bevölkerung einer Kirche angehört. Die DDR-Regierung versuchte nach dem Bau des Fernsehturms dieses Phänomen zu verhindern: Vergeblich.

Meer
Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren
und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen
Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer
Nur Meer
Erich Fried

Unterwegs
ferien.
heissersehnt.
entgegengefieberte Zeit.
dann:
unterwegs zur ruhe.
ortswechsel.
positionswechsel.
endlich Zeit
für dinge, die sonst nicht wichtig sind,
aber es eigentlich sein
sollten
vorübergerauscht?
zuvieles vor.
zuvieles zu wichtig genommen.
unterwegs durch die Zeit.
anhalten wäre gut.
HALT!
ferien.
heissersehnt.
entgegengefieberte Zeit.
ortswechsel.
positionswechsel.
[tms]

Hat Jesus Fußball gespielt?
Bestimmt.
Wenn es sowas gegeben hat,
wovon man wohl ausgehen kann.
Hat er dabei auch seinen Bruder Jakobus gegrätscht?
Die eine oder andere gelbe Karte eingesteckt?
Der Mutter den Wasserkrug von Tisch geschossen?
Bestimmt.
Er war ein eigenwilliges Kind, wie der Evangelist berichtet.
Profifußballer wurde er nicht.
Den Spruch, das „Runde ins Eckige“ hat er nicht gekannt.
Dafür hat er das Eckige rund gemacht: Grab und Tod
haben keine Bedeutung mehr.
Aber Sonne und Leben.
[tms]
Tragen und getragen werden
Sich in den Armen des anderen
geborgen fühlen.
Sich gut aufgehoben wissen.
Sich gehalten und getragen wissen.
Der, der trägt,
er trägt nicht nur,
er wird auch getragen.
Vielleicht merkt er es nicht.
Vielleicht spürt er es nicht.
Vielleicht ahnt er es nur.
Die Erde trägt den,
der auf ihr steht,
den, der auf ihr geht.
Tragen und getragen werden.
Beeindruckende Erfahrungen.
Franz Josef Kröger
Einmal im Jahr
vom Frieden träumen,
zu wenig.
Einmal im Jahr
von Liebe träumen,
zu wenig.
Einmal im Jahr
von Hilfe träumen,
zu wenig.
Einmal im Jahr
von Jesus träumen,
zu wenig.
Einmal im Jahr
von Freiheit träumen,
zu wenig.
Einmal im Jahr
von Gott träumen,
zu wenig.
Einmal im Leben
einen Traum verwirklichen,
genug.
W. Schmölders
gott stieg ans kreuz hinauf und starb
und sah nicht mehr wozu das gut war
und es kam finsternis über das land
es wurde nacht
erster tag
gott stieg in die hölle hinab
die von menschen gemacht war
er sah dem bösen ins auge
und es dämmerte am horizont
zweiter tag
und gott steigt aus dem grab der erde
und schafft das leben neu
er sieht dass alles gut ist jetzt und immer
es wird morgen und nie mehr abend
am dritten tag
andreas knapp
Mach uns unruhig, o Herr,
wenn wir über der Fülle der Dinge, die wir besitzen,
den Durst nach den Wassern des Lebens verloren haben;
wenn wir verliebt in diese Erdenzeit,
aufgehört haben, von der Ewigkeit zu träumen;
wenn wir über all den Anstrengungen,
die wir in den Ausbau der neuen Erde investieren,
unsere Vision des neuen Himmels verblassen ließen.
Neujahrswunsch
Meine guten Wünsche lege ich dir
ins Gedächtnis des Herzens, damit
sie dein Denken und Fühlen
berühren und erfüllen.
Meine guten Wünsche flüstere ich dir
in beide Ohren, damit sie dich trösten
und ermutigen in den Stunden der Not,
der Mühsal und der schweren Sorge.
Meine guten Wünsche singe ich dir
als Morgen- und Abendlied, damit
sie dich Tag und Nacht begleiten,
so wie die Treue deines Schutzengels.
Meine guten Wünsche gebe ich dir
mit auf den Weg als Segen, damit
du bewahrt bleibst an Seele und Leib
vor den bösen Mächten dieser Welt.
Meine guten Wünsche schicke ich dir
als Gebet in den Himmel, damit dein
Gott auch in Zukunft bestens für dich
sorgt und dir weiterhin den Rücken stärkt.
aus "Abendlicher Adventskalender 2007"
von Paul Weismantel
Weihnachten erfahren
für heilende Stunden
der ansteckenden Gesundheit
Weihnachten erfahren
heilsame Begegnungen
die Verwundungen vernarben lassen
Weihnachten erfahren
unerwartetes Entgegenkommen
mitten in verhärteten Beziehungen
Weihnachten erfahren
strahlendes Aufleuchten
jener oft vergessenen Wirklichkeit:
Gott ist mit uns in allem
Weihnachten erfahren
hoffnungsstiftender Zuspruch
vor allen Ansprüchen:
gemeint zu sein vor aller Leistung
Pierre Stutz
Zwischen den beiden Eckdaten eines Menschenlebens,
die wir einritzen in den Grabstein,
zwischen Geburtstag und Sterbestunde
liegt all das Unausgesprochene, Unsagbare,
das nur Gott kennt.
Hinter jedem Namen
verbirgt sich ein Leben.
In dieser begrenzten Spanne zwischen Geburt und Tod
gab es Hoffnung und Angst eines Kindes,
Enttäuschung und Erfüllung einer großen Liebe,
Zärtlichkeit und Härte eines Vaters,
Erfolg und Verbitterung im Beruf .
Da liegen in jedem Menschenleben
Verdrängtes und Ausgelebtes,
schuldig werden und schuldig bleiben,
glauben und zweifeln.
Und nie ist diese Waage im Gleichgewicht.
Nichts ist glatt und vollendet.
Solange wir atmen, geht keine Rechnung auf.
Wir hoffen auf Gott,
dass er uns ruft aus dem Staub,
dass er unsere Bruchstücke sammelt
und uns ganz macht.
Nur er kann die »unvollendete Sinfonie unseres Lebens«
vollenden und zum Klingen bringen.
nach: Hermann Josef Coenen
Gesegnet sei dein Dasein
Gesegnet sei dein Weg
Monat für Monat
mit all seinen klaren Spuren
und all seinen Verunsicherungen
Gesegnet seien deine Schritte
Woche für Woche
mit all ihrer Lebenskraft
und all ihrer Zerbrechlichkeit
Gesegnet sei dein Mitsein
Tag für Tag
in all deinen Lebensvollzügen
und all deinen Begegnungen
Gesegnet sei dein Dasein
Stunde für Stunde
in all deinem engagierten Wirken
und im lebensnotwendigen Innehalten.
Pierre Stutz
"Wer bist du, liebreicher Gott,
und wer bin ich, Würmlein, dein kleiner Knecht?"
So betet Franziskus im Sommer 1224 in der Bergeinsamkeit des La Verna,
"und das wiederholte er öfter ohne ein anderes Wort."
Angelus Silesius über das Gebet:
"Mensch, so du wissen willst, was redlich beten heißt,
So geh in dich hinein und frage Gottes Geist."
Wer bist du, Gott, und wer bin ich, Mensch?

Der mich atmen lässt
Der mich atmen lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich leben lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich schweigen lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich reden läst
bist Du, lebendiger Gott
Der mich warten lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich handeln lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich wachsen lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich Mensch sein lässt
bist Du, lebendiger Gott
Der mich atmen lässt
bist Du, lebendiger Gott
Anton Rotzetter
Bücher
Alle Bücher dieser Welt bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim in dich selbst zurück.
Dort ist alles, was du brauchst, Sonne, Stern & Mond
denn das Licht, danach du frugst, in dir selber wohnt.
Weisheit, die du lang gesucht in den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt — denn nun ist sie dein.
Hermann Hesse, Gedichte
Brandstifter
Feuerflamme
Feuerzunge
Feuersäule
brennender Dornbusch
starkes Wort
mächtiger Geist
du Licht
du Glut
du Kraft
vor dir verstummen
und nur noch sein
von dir geleitet
und durch Wüsten gehen
von dir erfüllt
und überströmen
in Brand gesteckt
zum Leben angestiftet
zum Werden verführt
bricht sich Schweigen
in Worte
laden Wege
zum Mitgehen
wird Erfüllung zum Tun
werde ich
zum Brandstifter
in Sachen Leben
Andrea Schwarz

Magd des Herrn,
Mutter des Sohnes,
erfüllt vom Geiste:
sie heißt Maria.
Lass uns Herr,
die Jungfrau Maria entdecken,
die Ja sagt
und in schweigender Zärtlichkeit
den trägt, von dem sie
alle Worte bewahren wird:
Jesus,
den Sohn des Vaters,
den Sohn Mariens,
den Bruder aller Menschen
in alle Ewigkeit.
Pierre Griolet

Auferstehen aus der Armut der Habgier
zum Reichtum des Teilens.
Auferstehen aus der Kälte der Einsamkeit
zur Wärme der Gemeinschaft.
Auferstehen aus dem Krieg der Zerstörung
zum Frieden der Versöhnung.
Auferstehen aus dem Dunkel der Angst
zum Licht der Hoffnung.
Auferstehen aus dem Streben nach Herrschaft
zur Macht der Liebe.
Auferstehen aus dem Trott des Alltags
zur Freude des (Außer)gewöhnlichen.
Auferstehen aus der Existenz dieser Zeit
zum Leben in Ewigkeit.
Frank Greubel
Nach Sicherheit schreit es in mir
Nach Freiheit schreit es in mir
Nach Liebe schreit es in mir
Nach Wandlung schreit es in mir
Doch Du, der Du bist da:
Gibt Sicherheit nicht der Freiheit Grenzen,
nimmt sie nicht der Liebe ihren Geschmack,
ist sie nicht der Wandlung Tod?
Erteilt Freiheit nicht der Sicherheit eine Abfuhr,
nimmt sie der Liebe nicht ihre Verlässlichkeit
und der Wandlung ihren Reiz?
Ist die Liebe nicht der Sicherheit zuwenig,
der Freiheit zuviel
und der Wandlung Feind?
Will die Wandlung nicht die Sicherheit entmachten,
der Freiheit ihre Unendlichkeit nehmen
und der Liebe ihren Frühling?
Du bist, Du bist da:
Du bist dazwischen.
Christoph Stender

Herr, mach mich zu einem Werkzeug
deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält:
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Frankreich (1913)

Oratorio di S. Francesco
Hinter dieser Türe hat Franziskus gebetet
sich verborgen vor der lauten, neugierigen Welt.
Hinter dieser Türe hat er sich selber ausgehalten,
sich Gott in seiner Armseligkeit hingehalten.
Hinter dieser Türe
und in vielen anderen Verstecken
wusste er sich angeschaut,
angerührt,
angesprochen
vom guten Vater und seinem Sohn.
Wenn er aus dieser Türe wieder heraustrat
und zu den Menschen in ihrer Armseligkeit ging,
brachte er etwas vom Licht und der Liebe,
die er selber empfangen,
in die laute Welt,
sie neugierig zu machen auf Gott.
"Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest,
und schließ die Tür zu;
dann bete zu deinem Vater,
der im Verborgenen ist.
Dein Vater, der auch das Verborgene sieht,
wird es dir vergelten." Mt 6,6
P. C. Scheifele ofm